Beurteilungsdilemma beim Selbstlernen
Im Rahmen eines Fixpunktes - als Klassengespräch geführt - entschied sich die Klasse 1aW im März 2007 nach acht Wochen Dauer für die Weiterführung des insgesamt 18 Wochen dauernden Selbstlernversuchs. In der Folge verlangte ich, dass als Einzelarbeit folgende Fragen schriftlich zu beantworten seien und ich diese Antworten auch in die Beurteilung, das heisst in die Jahresnote einbeziehen würde.
1. Wie sieht mein Ziel aus? Produkte? Methoden, um dies zu erreichen?
2. Welche Ziele verfolge ich inhaltlich?
3. Wo stehe ich im Arbeitsprozess? (Zeitplan, warum, wo?)
4. Welche Fortschritte/Erfolge sehe ich?
5. Welche Probleme habe ich. Wo und wie brauche ich Hilfe?
Diese Ansage zum Fixpunkt mit Bewertung war der Anfang vom Ende des Unterfangens.
Meine bisherigen Beobachtungen und die Gesprächsinhalte mit den Schüler/-innen deckten sich mit denjenigen einer Stellvertreterin, welche vier Wochen mit der Klasse gearbeitet hatte. Beide stellten wir fest: Die Schüler/-innen zeigen insgesamt zu wenig Einsatzbereitschaft, Ausdauervermögen und Konzentration. Es wurde aus unserer Sicht zu wenig gearbeitet. Viele Schwierigkeiten oder ungewohnte Abläufe wurden als Argumente genutzt, um zu belegen, dass die Arbeiten nicht wie gewünscht fortschreiten konnten.
Die Beurteilung der individuellen Standortbestimmungen (Fixpunkte) lösten in der folgenden Woche in der Klasse Diskussionen aus. Die Quintessenz: Ich wurde gebeten, den Unterricht wieder traditionell zu führen. Das Nachfragen über den plötzlichen Stimmungswandel brachte Folgendes an den Tag: Die Angst vor einer schlechten Note stand im Raum und das schlechte Gewissen in Bezug auf den ungenügenden Arbeitseinsatz überwogen die an sich durchaus positiven Aspekte im Sinne von man hätte "viel gelernt".
Die Unsicherheit, dass man nicht gezielt einen Einsatz für ein Ex leisten könne und daraus folgend vorhersehbar sei, welche Note man schreiben werde, führte zum nahezu einstimmigen Abbruch des Selbstlernens. Wir einigten uns auf einen Abschluss zu einem Datum und dazu, dass ich die bis dahin erstellten Produkte und Lerntagebücher beurteilen würde. Dies habe ich dann auch getan, dazu der Beitrag vom 1.6.2007.
Ich versuchte anhand von eigenen und fremden Beispielen, das Problem auf den Punkt zu bringen und in den Gesamtzusammenhang des Schulalltags zu stellen. Schon im Jahre 1993 hatte ich mit eine Klasse während einem halben Jahr den Unterricht aufgelöst und eine Arbeitsgemeinschaft für Geographie gegründet, in der jede und jeder Schüler/-in einen Auftrag finden und lösen musste. Damals habe ich das Experiment nicht systematisch ausgewertet. Vielmehr ist mir einfach geblieben, dass fast alle mit ihrer Note unzufrieden waren. Wer nicht mindestens eine 5.5 hatte, war tendenziell nicht einverstanden. Eine 4 wurde mit einem Schimpfwort und knallender Tür quittiert.
Das Dilemma: Selbstlernen bedeutet, dass eigene Wege eingeschlagen werden, entsprechend sind die Lösungen und Produkte nicht mehr nach den gängigen Vorstellungen berechen-, bewert- und vergleichbar. Es fehlen oft Verständnis und Bereitschaft, eine an sich förderlich angebrachte Kritik entgegenzunehmen. Der gymnasiale Selektionsgedanke verträgt sich anfangs schlecht mit den Beurteilungen bei erweiterten Lernformen, ein Umdenken ist nötig.
Das Hauptziel vieler Schüler/innen besteht darin, die Schule zu schaffen, den Abschluss zu erreichen und eben im Alltag für die Prüfung zu lernen. Diese Haltung darf nicht übersehen werden. Zudem: Die Bedürfnisse nach Standardisierung, nach Vergleichbarkeit sowie viele Massnahmen zur Qualitätsentwicklung orientieren sich an Tests.
Dies bedeutet, dass den Selbstlerneinheiten klare Ziele zu Grunde gelegt werden müssen und dadurch entsteht das Dilemma: Inwieweit will ich als Lehrkraft die Ziele, Produkte und Prozesse eingrenzen? Konkret:
a. Ich verlange das Auswendigwissen der erdgeschichtlichen Zeittafel (wie bisher) oder
b. Ich öffne die Zielsetzung und erwarte ein Grundwissen zur Erdgeschichte, das sich jeder selber erarbeiten soll. Die Klarheit der Forderung und späteren Überprüfbarkeit nimmt im Fall b ab.
Beides, genaue Überprüfbarkeit und Offenheit in vielerlei Hinsicht passen schlecht zusammen.
Was in der Quintessenz bleibt, ist die Erkenntnis, dass, wenn individuell gelernt werden soll, es auch Vertrauen in die Lehrkräfte und die Nichtstandardisierung der Leistungsbeurteilung braucht. Das bedingt einen Lehr- und Lernkosmos, der darauf abgestimmt ist, die verschiedenen Aspekte der Standardisierung und des Selbstlernens zu unterscheiden, nicht zu vermischen. Um diesen Problemen zu begegnen, wird an Kompetenzrastern gearbeitet.
Selbstlernen setzt höchste Anforderungen an die Sozialkompetenz von allen Beteiligten voraus und braucht enorm viel Zeit für Kommunikation und Beratung. Je jünger die Schüler/-innen dabei sind, desto schwieriger wird das Ganze, weil sich in der Praxis zwischen Gesprächen und tatsächlichen Umsetzungen der Lernvereinbarungen oft eine grosse Kluft eröffnet.
Schöne Worte der Schüler/-innen ersetzen auch im Unterricht keine Taten. Dies aufzuzeigen und zu begleiten braucht enorm viel Aufmerksamkeit und ausgeprägte Coaching-Fähigkeiten. Die Frustrationstoleranz ist bei vielen Schüler/-innen tief, es wird (zu) rasch aufgegeben. Auch in diesen Fällen spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle.
Die Grundkonzepte der Schule geraten ins Wanken: Ist es überhaupt möglich,
- 26 Menschen mit einer Lehrkraft zielgemäss zu fördern?
- Jeder Schülerin und jedem Schüler sogenannt gerecht zu werden?
- Sie oder ihn individuell zu fördern?
- Gleichzeitig aber den Klassenverband aufrecht zu halten?
Alles kann nicht bei bisherigem Aufwand von Arbeitskraft, Zeit und Geld gelingen. An diesen Ansprüchen zerbricht manch guter Ansatz zum Lehren und Lernen und wird praxisuntauglich.











