Motivation? Evaluation?
Drei Jahre Unterricht liegen hinter einer gymnasialen Frauenklasse und einer erfahrenen Lehrkraft. In den letzten Stunden wird auf den Unterricht zurückgeblickt. Eine Quintessenz: Was im Alltag kaum zum Ausdruck kommt, ist die grosse Vielfalt an Themen und angewandten Lehr- und Lernmethoden. Sie werden im Rückblick erstaunt wahrgenommen und als gut beurteilt.
Der Fokus in der Unterrichtsbeurteilung liegt meist auf den einzelnen Lektionen, zu wenig wird auf das Gesamtkonzept, die Gesamtsicht und die Wirkungen in der Zukunft geschaut. Der Alltag dreht sich in der Regel um Anforderungen (Mengen), Disziplin, Müdigkeit, Prüfungen und Noten. Im Übrigen: Keine Gymnasiastin hat sich speziell verabschiedet oder gar für den Unterricht bedankt.
Eine ausgezeichnete und engagierte Schülerin merkt an, dass die Lehrkraft am Anfang zu wenig motiviert gewesen sei. Das Gespräch bringt vor allem an den Tag, was die Lehrkraft alles gut und schlecht gemacht haben soll.
In diesem und anderen ähnlichen Gesprächen fällt auf: Selten suchen und finden Schüler/-innen interne Gründe für einen sie nicht befriedigenden Unterricht. Was unter dem Slogan „zuerst vor der eigenen Tür wischen“ verstanden wird, findet in den gängigen, aktuellen Evaluationen zu wenig Eingang. Die Kultur der Selbstreflexion hinkt (noch) hinter den Qualitätssicherungsmassnahmen hinterher. Externe Faktoren werden als verantwortlich für die Qualität des Unterrichts gemacht und ins Zentrum gestellt, oft werden auch der persönliche Erfolg oder Misserfolg in Form von Noten damit verknüpft.
Im Lehrtagebuch der Lehrkraft zu einer der letzten Stunden mit der Klasse ist zu lesen: S. kommen zu spät, ständiges Schwatzen, S. sind nicht bei der Sache, daneben: eine S. bearbeitet ihre Fingernägel, zwei massieren sich wechselseitig den Rücken, zwei machen andere Aufgaben, eine löst Kreuzworträtsel, eine nippt anhaltend an ihrer Trinkflasche, drei lösen Haar- und Frisurenprobleme, jemand klickt ständig mit dem Kugelschreiber, eine wackelt nervös mit den Beinen, ein Etui wird aufgeräumt, zwei schlafen. Fünf haben ihre Unterlagen nicht dabei, Hausaufgaben wurden nur teilweise oder nicht gemacht.
Auftrag: Übernehmen Sie die Rollen eines Beraters, einer Beraterin und diejenige der Lehrkraft. Suchen Sie in einem Gespräch von 15 Minuten mögliche Ursachen für eine derartige Situation und entwickeln Sie ein Massnahmenkonzept für den künftigen Unterricht, welches Sie als Kommentar in den Blog stellen.
Warum Lehrpersonen Schüler/-innen nicht kennen
1. Ganz pragmatisch sind es oft schlicht zu viele. Eine Fachlehrkraft kann bei einem 100%-Pensum als Basis um die 280 Schüler/-innen pro Woche während 90 Minuten sehen, dies jeweils in einer Klasse von 26. Die damit an Aufmerksamkeit mögliche zukommende Zeit beträgt theoretisch um die 3 Minuten pro Schüler/in. Daneben gibt es allerdings noch den Stoff, die Unterrichtsmaterialien, die Medien, die Computer, den Beamer sowie die schnellen Wechsel der Lektionen und Klassen bei sehr kurzen Pausen.
Man stelle sich übrigens vor, ALLE Schüler/innen würden wirklich im Unterricht mitarbeiten wollen... wenn nur jede oder jeder eine echte Frage pro Lektion einbringen würde?
Wenn sich Einzelne ausserhalb des Klassenverband bewegen, dann wird das Kennen enorm schwierig.
Trotzdem, was können Schüler/innen tun, damit die Lehrkraft sie kennt?
2. Als Erstes wäre wohl zu nennen: Profil und Qualitäten zeigen. Das kann viel heissen. Warum soll eine Lehrkraft Studierende kennen, die keine Beiträge zum Unterrichtsgeschehen leisten?
Warum soll eine Lehrkraft die Schüler/innen kennenlernen, wenn sie sich nicht nach einem vereinbarten Klassenspiegel setzen?
Dazu kommt die Problematik der äusserlichen Veränderungen und der wenigen Kontakte. Konkret kann es vorkommen, dass im Rahmen eines Schuljahres von August bis Ende Oktober, fünf Begegnungen stattfinden, erst im November/Dezember gibt es im Idealfall acht weitere Begegnungen. Das heisst, im Rahmen eines halben Jahres können manchmal nur 13 Doppellektionen à 90 Minuten statt finden, ein deutlicher Unterschied zu den Schulen auf der Sekundarstufe 1.
Es gibt Klassen und Schüler/innen, die es schaffen, dass sich auch die Lehrkraft für sie über den Berufsauftrag hinaus interessiert, sei das durch Beiträge, durch Höflichkeit und Freundlichkeit, einfach auch dadurch, dass sie ebenfalls eine Verantwortung für ein gegenseitiges Kennernlernen übernehmen. Wollen Schüler/innen Lehrkräfte kennenlernen?
Es gibt Lehrkräfte, die Schüler/innen nach ihren Hobbys fragen, sie fotografieren, die Namen gezielt lernen und da können Schüler/innen mit entsprechenden - nicht blöden und vermeintlich lustigen - Beiträgen helfen, dass dies gelingt. Zeigen Sie Profil, sagen Sie etwas, das auch die Lehrperson interessiert. Werben Sie für sich. Die Lehrkraft wirbt am Gymnasium in der Regel für ein Fach und versucht, einen möglichst hohen Lehrertrag zu erzielen. Soziales steht im Hintergrund, es kann allerdings ganz wesentlich den Lernerfolg beeinflussen.
Die Forschung zeigt, dass Leistungen sowohl von Schüler/innen wie auch diejenige von Mitarbeitenden in Betrieben - auch den Lehrkräften -, ganz entscheidend vom emotionalen Klima abhängen. Lob und Erfolgserlebnisse steuern neben der Menge an zur Verfügung stehender Zeit entscheidend zum Lernerfolg bei, abgesehen übrigens von den Vorerfahrungen, "dem was man schon kann".
Das Gymnasium in der jetzigen Form hat auch einen Selektionsauftrag, was eine erhöhte Schwierigkeit bezüglich Emotionen und Unterrichtsklima darstellt. Wie reagiert, wer auf Beurteilungen?
Schwierig ist das Kennenlernen durch die vielen Wechsel in den Klassen, seien es jetzt wechselnde Kursgruppen, die zum Beispiel nur wenige Wochen bei einer Lehrkraft sind, und natürlich hängt es auch stark vom Fach ab, denn wenn zum Beispiel Beiträge wie Aufsätze von einer Lehrkraft gelesen werden können, gelingt das Kennenlernen meist wie von alleine und sehr rasch. In den naturwissenschaftlichen Fächern mit weniger Diskussionsanlässen oder bei Anwendung von offenen Lehr- und Lernformen ist dies anders. Allerdings ist es jeder Zeit möglich, Methoden auch zu wünschen, sich zu engagieren und bei verschiedenen Lehrkräften an der Gestaltung des Unterrichts mitzuwirken.
Übrigens: Das Nichtkennen hätte auch Vorteile, die Bewertungen sind eventuell neutraler. Und Achtung, das Nichtnennen eines Namens innert weniger Sekunden heisst noch lange nicht, dass eine Lehrkraft den oder die Schülerin nicht kennt.
Reflexionen von Mittelschullehrkräften
Ausgehend von der immer grösser werdenden Herausforderungen des Unterrichtens im sich ständig wandelnden Umfeld der Schweizer Gymnasien möchte ich an dieser Stelle jeweils aus dem Alltag berichten. Beobachtungen und Erfahrung sollen aufgezeichnet werden, um Aussenstehenden vermehrt Einblicke in die Praxis zu ermöglichen.
Peter Gloor
Warum der Geographielehrer und Mediendidaktiker bloggt
1. Ich bin überzeugt, dass ganz viele Informationen sehr wertvoll für andere Lehrkräfte und Bildungsinteressierte sein können. Viele Informationen, die hier stehen, würden den Weg nie in einen Artikel oder ein Buch finden.
Die Unmittelbarkeit der Texte - so denke ich - dürfte besonders für Noviz/-innen im Lehrberuf wertvoll und/aber auch ehrlicher sein. Vieles steht hier, dass kaum je zu schreiben gewagt würde, das aber im Unterichtsalltag als Lehrkraft nützlich zu wissen sein könnte.
Und vor allem: Ich möchte Einblicke in die gymnasiale Welt ermöglichen, Einblicke, die Anlass zum Denken und Diskutieren sein können.
Ausserdem: Ich habe Spass, hin und wieder ins "Leere?" der Cyberwelt zu schreiben -:). Es reizt auszuprobieren, wer was liest oder eben nicht, geschweige denn, die Reaktionen zu verfolgen.

Pult einer Lehrperson: Viel - zuviel? - Technik zwischen den Studierenden und der Lehrkraft?
2. Die ausführlichen Gedanken zur Frage:
Einst als Journalist und Redaktor haben mich oft Leute nach meinem Beruf gefragt, brennendes Interesse an den Arbeiten gezeigt und oft über die spannenden Geschichten und Hintergründe zu den Geschichten gestaunt .
Heute sieht dies ganz anders aus. Seit dem Einstieg in den Lehrerberuf treffe ich kaum mehr auf Menschen, die etwas zum Beruf wissen wollen. Vielleicht hängt es in erster Linie damit zusammen, dass die meisten Menschen Schulen von innen her kennen und dadurch die Neugierde und Spannung verloren scheint, darüber nochmals etwas erfahren zu wollen. Viele tragen auch ungute Gefühle und Erfahrungen von damals mit sich. Die Medien hingegen kennen sie in der Regel eher nur von aussen. Ein anderer Grund: Wenn es in der Schulwelt allenfalls etwas Neues geben könnte, dann vielleicht, dass es heute ganz besonders schwierig sei mit den Jugendlichen. Höfliches Mitleid ist meist sicher.
Ganz speziell sind die vielen Begegnungen mit ehemaligen Schüler/-innen: Auf der einen Seite stehen jeweils die oft beneidenswerten Laufbahnen, Studien, Prüfungen, Titel, Positionen, welche angesprochen werden und zum Schluss die Frage. "Und Sie? Sind Sie immer noch an der Kantonsschule?" Dabei ist die Tonlage der Frage das Spezielle. Ich freue mich immer darüber und werde nicht müde zu sagen, dass der Lehrerjob ein ganz faszinierender und herausforderungsreicher sei, den ich nicht missen möchte.
Vielleicht ist es ja aber auch einfach so, dass ich nicht mehr so vielen Menschen begegne und deshalb mein Eindruck derartig entstanden ist.
Ich denke, die Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert. Wann waren Sie zum letzten Mal einen Tag in einer Schule, nicht nur für eine Showlektion an einem Besuchstag? Können Sie sich überhaupt vorstellen, was Tagesschulen, Wochenpläne, ELF, ICT, MAR, EVAMAR, Schilf, WOV, Kompetenzraster... usw. bedeuten, wie sich all die strukturellen und didaktischen Veränderungen auswirken, ja wie sie überhaupt aussehen? Kann es etwa sein, dass sehr viele, welche heute über Schule reden, politisieren, bestimmen, verwalten vor allem IHRE Vorstellung von erlebter Schule in sich tragen und danach agieren? Man überlege sich die Konsequenzen.
Doch zur Frage zurück: Was heute im Schulalltag abgeht, wie ich es wahrnehme, hat kaum irgendwo Platz. Da nützt es wenig, wenn ich schon oft zum Besuch einer Lektionen - oder eben der Nichtlektionen im klassischen Sinn - gar eines Halbtages eingeladen hatte. Es kam einst selbst der Regierungsrat nicht. :-) Dabei hatte sein Departement die Aufmerksamkeit und Zeit Fr. 70.-- (obwohl von der Schulleitung amtlich mit Stempel bewilligt) diesen Weiterbildungsbeitrag zu streichen, mit der Begründung, dass ein Geographielehrer nicht an eine Weiterbildung für Schule und Internet zu gehen hätte; das sei private Weiterbildung und hatte keinen Fachbezug. Ich hätte damals - im Jahr 1996 - mit meinem Unterricht gerne das Gegenteil gezeigt. Aber es kam nie dazu.
Ich wünschte mir auch heute noch oft, dass jemand einmal an einem Arbeitstag von 7 Uhr bis 23 Uhr mitmacht, Dutzende von Situationen und Geschäften miterleben würde, die teilweise nicht lösbar sind, teilweise hochkomplex in verschiedensten Bereichen und alles im Eilzugstempo. Da bleibt kaum Luft zum Reflektieren, zum lehrbuchmässigen Planen, Durchführen und Nachbereiten des Unterrichts.
Es bewahrheitet sich teilweise, was einst mein Didaktikvorbild Heinrich Keller von der Universität Zürich sagte, dass diejenigen Lehrkräfte, die auf dem Weg vom Lehrerzimmer zum Schulzimmer die Lektion vorbereiten, gut vorbereitete Lehrkräfte seien. Die Beweggründe sind allerdings nicht Faulheit oder weil man Lektion y zum x-mal halten kann. Heute fehlt schicht und einfach die Zeit. Die strukturellen und fachlichen Veränderungen erlauben in vielen Fächern kaum mehr Wiederholungen, machen sie geradezu unmöglich, was auch Qualitätsverlust bedeuten kann.
Persönlich habe ich den Weg ins Lehrerzimmer schon vor Jahren aus Effizienzgründen leider streichen müssen. Ausserdem war diese Abgrenzung nötig, um nicht noch mehr Fragen und Geschäften im Sinne von "könntest du mir nicht... du bist doch beim Computer..." usw. auszusetzen. Die Hinweise auf Bedienungsanleitungen lesen, Kurse besuchen, persönliche Weiterbildungen etc. kommen nicht sozialverträglich an. Aber es war alles persönliche Zeit und eher weniger offizielle Arebeitsezt, die in den Beruf gesteckt werden musste, um kompetent zu bleiben, so wie in den mesten Berufen. Die strukturellen Voraussetzungen für einen Austausch, die Zeitfenster dazu fehlen aber in der Schule. Dafür gäbe es die Ferien, hiess es. Spannend wurde es in dem Moment, als die Arbeitszeit deklariert werden musste, denn es ist dadurch zum Beispiel nicht mehr unbedingt sinnvoll und als Leistung anerkannt, informell zu wirken, einem Kollegen zu helfen, Schüler/-innen angepasst zu beraten, Geräte zu reparieren, Sammlungen und Materialien zu pflegen und vieles mehr, ausser es handelt sich um einen Auftrag der Schulleitung.
Es ist ein deutliches Zeichen des Älter werdens, wenn man von früher zu schreiben beginnt. Trotzdem nach 16 Unterrichtsjahren - eigentlich sind es 19, die Lehrtätigkeit an Bezirks-, Sekundar- und Primarschulen zählt dienstalterstechnisch und damit lohnmässig am Gymnasium nicht - erlaube ich es mir zu tun:
Ich war immer jemand der sehr weit im Voraus den Unterricht vorbereitet hatte, das war auch als Journalist so, ich hasste Stress aus Schlampigkeit, wegen unüberlegten, nicht geplanten Schritten. Beim Unterrichten kaum es in den 90iger Jahren und auch vorher eigentlich nie vor, dass ich reagieren musste. Ich war der Chef, hatte das Unterrichtsgeschehen respektive vor allem die Vor- und Nachbereitung voll im Griff. Ich konnte die einzelnen Schritte voraussehen, bestimmte was ging und ich hatte Raum und Zeiten für das sogenannt Unvorhergesehene.
In der Zwischenzeit hat sich dies radikal geändert. Jeweils einige Wochen nach Ferienschluss kippt das System. Das Unvorhergesehene nimmt überhand, daraus erwächst Stress und es passieren deutlich mehr Fehler als ich mir je erträumt hätte. Bei der Ursachenforschung stosse ich vor allem auf folgende Punkte:
- Die Vielfalt der Themen und Methoden, insbesondere der Einsatz von digitalen Medien mit all den schlecht berechenbaren Fehlern und Unzuverlässigkeiten
- Der Aktualitätsanspruch und -druck, gerade in Geographie und Mediendidaktik
- Die hohen Ansprüche der Schüler/-innen, Eltern, Vorgesetzten, …sowie die Betrachtungsweise der Schüler/-innen als Kund/-innen und der Institution als Dienstleistungsunternehmen mit Marketing, Werbung, Imagepflege etc.
- Die vielfältig zusammengesetzten Klassen, zunehmend unterschiedliche Vorkenntnisse, verschiedenste Fächerkombinationen und Gruppen
- Spezialklassenzüge mit Spezialangeboten
- Die vielen Gefässe, neue Fächer, die ich mit Kolleginnen erteile
- Die Erhöhung der Klassengrössen
- Die Individualisierung der Schulmöglichkeiten für die Studierenden, einerseits Interessen bedingt, anderseits Berufskarrieren orientiert
- Bald nur noch Spezialfälle in den Klassen (alle möglichen individuellen Probleme, die mit der Schule verknüpft werden, sozial, medizinisch, biografisch, kulturell bis zu Austauschschüler/-innen, Hospitanten, Gästen)
- ... und ganz viel mehr, dass die Kolleginnen und Kollegen gerne in Kommentaren anfügen mögen.
Es ist nicht das Einzelne, was die Schule und den Beruf radikal verändert haben. Die Menge macht das Gift und vor allem auch, die medialen Möglichkeiten, die Verbreitungsgeschwindigkeit von Informationen, Nichtinformationen und allen möglichen und unmöglichen Aufgaben führen zu einer Art unbewältigbarem Chaos. Es gibt eine unüberlickbare Anzahl Kolleginnen und Kollegen, welche die verbreitenden Informationen und Aufgaben schon gar nicht mehr lesen, geschweige denn nur annährend ernsthaft angehen können.
Ich denke, dass dies auch früher schon so war, allerdings zeigte sich im Laufe von Jahren jeweils was wichtig war und welche Folgen bei Nichtbeachtung zu vergegenwärtigen waren. Das muss jetzt neu herausgefunden werden und oft ist es so, dass die Änderungen die Schulzyklen nicht überdauern. Das heisst Evaluation der Massnahmen ist kaum sinnvoller Weise möglich. Wer in ein Schulsystem eingreift müsste über Jahre hinweg vor- und mitdenken. Wenn beispielsweise eine umfassende Reform fürs Jahr 20xx angekündigt wird, machen viele Aufgaben die nicht in Abstimmung auf die Neuerungen gemacht werden, nur bedingt Sinn.
Es werden trotz solchen Umständen Unmengen von Angeboten, Aufgaben und Forderungen in Umlauf gebracht, die nie und nimmer halbwegs ernsthaft bearbeitet werden können. Natürlich ist alles erledigbar, wer es nicht vermag, ist nicht fähig, oder? Die Faktoren Zeit und Mensch werden allzuoft zu wenig berücksichtigt. Komplexe Systeme sind nicht über publizierte oder gar per E-Mail verschickte Anordnungen sinnvoll steuerbar. Diese Art der Führung funktioniert allenfalls über kurze Zeit in autoritären, hierarchisch angelegten Strukturen.
Ich habe vor allem als Journalist schon früh gelernt, den Rundordner gezielt zu nutzen, ich habe damals schon mitgekriegt wie effizient Hunderte von Geschäften am Tag erledigt werden können. Die Regeln waren allerdings andere: Es ging letztlich primär um Auflage, Wemf-daten, Geld und Arbeitsplätze. Da stehen andere Werte wie Information, sachliche Richtigkeit, Bildungswert, Ethik, Moral etc. stark im Hintergrund. Und ein anderer, entscheidender Unterschied: Ich hatte eine dem angepasste Infrastruktur mit entsprechend angestellten und ausgebildeten Mitarbeitenden. Wenn ich heute als Lehrkraft einen Briefumschlag mit Pauschalfrankatur nutzen will oder eine Kopie machen muss, kann das schon zu unliebsamen Abrechnungensschwierigkeiten führen. Oder anders: Ich hatte wohl Pflichten aber auch Kompetenzen und in besonderen Positionen vor allem auch einen Budgetrahmen, sprich Mittel und Infrastruktur. Mein Zielpublikum musste ich überzeugen, die Auflage musste stimmen, das war letztlich ein Hauptziel.
Heute habe ich in der Schule auch Kund/-innen, um die geworben wird, die sehr ernst genommen werden müssen, als Erwachsene im Leben stehen sollen, sich oft anders benehmen als lernförderlich und deren Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Auch dieses Zielpublikum muss ich von meinem Fach überzeugen. Obwohl das Zielpublikum im Gespräch bei der Ausarbeitung von Lernvereinbarungen heute sehr viel Einverständnis mit dem Schularrangement zeigt, ist leider die Umsetzung im Alltag oft – zu oft – von anderen Aspekten des Lebens dominiert. Im jugendlichen Lebenskampf bleibt kaum mehr Zeit und Geduld, einige langweilige Unterrichtsmomente hinzunehmen. Der entscheidende Unterschied ist aber: Eigentlich habe ich Pflichtstoff, Prüfungen und noch dazu erzieherische Aufgaben. Es muss ein Spagat gemacht werden. Allem zu genügen, gelingt nicht. Es gelingt aber, es so aussehen zu lassen. Erstes Kriterium bei der Beurteilung von Unterrichtslektionen in einem Schweizer Kanton ist die Atmosphäre im Schulzimmer. Wichtig ist ergo, dass wir es gut haben zusammen.
Im Grunde genommen ist die Bezeichnung Geographielehrer eine nicht mehr zutreffende Bezeichnung. Immer wieder stellt sich die alltägliche Frage, ob ich jetzt Geographie unterrichten soll, oder ob ich die Störungen dieses Unterfangens angehen soll und zuerst entsprechende Erziehungsarbeit leisten muss. Weil manchmal Erstaunen über diese Frage von den Schüler/-innen zu mir gelangt, missbrauche ich diesen Blog auch dazu, ihn vor gewünschten Diskussionen mit mir lesen zu lassen. Die Positionen lassen sich dadurch besser beziehen und es kann relativ rasch unterschieden werden, was ernsthafte und kompetente Anliegen sind oder eben nicht.
Ich habe bei den Evaluationen des Unterrichtsgeschehens festgestellt, dass der prozentuale Anteil an allgemeinen Themen zu Lernbereitschaft, Methodenverständnis, Heftführung, Organisation, Pünktlichkeit, strukturellen Erklärungen und Ähnlichem unerwünscht gewachsen ist. Das heisst, es steht weniger Zeit für die fachlichen Aspekte zur Verfügung.
Erschwerend kommt hinzu, dass die oft neu zusammengesetzten Klassen und/oder Kursgruppen immer wieder die grundsätzlichen Erklärungen zum Unterricht, zu den Methoden, Prüfungen usw. bekommen müssen. Häufig sitzen Schüler/-innen da, die das jeweilige bereits kennen, für die müssten im Idealfall dann wieder individualisierte Aufträge erfolgen. Dieses und Ähnliches immer umzusetzen übersteigt meine logistischen Fähigkeiten. Nichtzuletzt war es einst vermutlich eine wesentliche Idee oder Notwendigkeit mit einer oder wenigen Lehrpersonen kosten- und kräftesparend einer grossen Anzahl von Menschen zu einer der staatlich gewünschten Bildung zu verhelfen. Demgegenüber stand der persönliche Lehrer.
Und nun? Individualierung und Standardisierung, Elitebildung und Breitenwirkung, alles für alle und kostengünstig,
Des langen Textes kurzer Sinn: Der Blog soll zur Informations- und Meinungsvielfalt beitragen, in dem weitere Stimmen auf diese Weise öffentlich gemacht werden.
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