E-Portfolio-Anwendung am Gymnasium (ein Beispiel)
Ausgehend von jahrelangen Beobachtungen zur Heftführung Schüler/-innen während des Unterrichtes habe ich mich entschlossen, einmal eine elektronische Plattform (im beschriebenen Fall BSCW, http://public.bscw.de/) als E-Portfolio-Werkzeug einzusetzen. Nach einjähriger Unterrichtspraxis der Schüler/-innen mit kleineren Aufgaben zum BSCW-Gebrauch lautete die Aufgabe für das Schuljahr 2006/07:
„Legen Sie alle digitalen Unterrichtsprodukte und Ihre gesammelten Unterlagen sowie Ihre persönlichen Links in Ihrem persönlichen Ordner ab.“
Im Rahmen der Erklärungen der zur Anwendung kommenden Beurteilungskriterien wurde ausgeführt, was ich erwartete. Schriftlich wurden folgende Begriffe eingeführt, um die Art der Beurteilung ansprechen zu können. Gleichzeitig wurde die Gewichtung festgelegt (Punktetotal plus 1 ergab eine zu einem Drittel zählende Semesternote):
A. Performance (1 Punkt): Aufgrund der elektronischen Arbeitsberichte und Spuren auf BSCW war es möglich, Hinweise auf die Aktivitäten der Schüler/-innen über das ganze Jahr zu sammeln und zu verfolgen.
Ein Hauptziel dieser Beobachtung war, die Motivation für eine kontinuierliche Aktivität im Fach zu fördern. Dies basiert darauf, dass Lernen vor allem dann geschieht, wenn die Schüler/-innen aktiv sein müssen und dies auch regelmässig über einen längeren Zeitraum. In der Regel arbeiten die Schüler/-innen im Hinblick auf die Prüfungen, dazwischen kaum kontinuierlich. Einige zeigen gar die Haltung während des Unterrichts, dass sie grundsätzlich den Stoff sammeln und dann nur für die Prüfung lernen. (Lern-)Prozesse während den Lektionen mitzumachen oder nur schon mitzuverfolgen gelingt nicht generell und muss manchmal geradezu trainiert werden.
B. Inhaltliche und geographische Qualität der gesammelten und hergestellten Unterlagen (2 Punkte): Darunter verstanden wir vor allem die fachliche Richtigkeit und Relevanz von Texten, Tabellen etc., die Anwendungen von Fachbegriffen so wie es während der ersten Klasse aufgebaut worden war. Beispiele: Anwendung von klimatischen Begriffen wie Klimazonen und –stufen oder geographischen Darstellungsmethoden wie Diagramme, Karten etc., je nach Fachbereich eben.
C. Kommentare zu den Dokumenten, Links und Ordnern (1 Punkt): Die Sammlungen mussten kommentiert werden, dies mit dem Gedanken, dass nur wer Dokumente und Links wirklich studiert hat, auch einen fundierten Kommentar schreiben kann. Es musste eine persönliche Sichtweise in den Texten sichtbar gemacht werden. Urteile und Wertungen waren erwünscht.
D. Formales: Strukturierung, Gliederung und Organisation der Materialien, Orthographie (1 Punkt): Im Laufe des Jahres wurde erwartet, dass aufgrund der persönlichen, individualisierten Sammlungen auch eigene Strukturen wachsen würden und es galt dazu eine passende Organisation mit Hilfe der vorhandenen Werkzeuge zu finden und zu zeigen.
Zu den Rahmenbedingungen
Das Herbstsemester 2006 umfasste den thematischen Bereich Südostasien aufgrund des Schulbuchs von Cornelsen mit dem entsprechenden Titel und das Frühlingssemester 2007 das Thema Sahel (Hunger in Afrika), jeweils zwei Geographiestunden. Nach diesem Jahr war das Weiterführen des E-Portfolios freiwillig, es gab allerdings einen Bewertungstermin anfangs Dezember 2007. Der Text und die Auswertung bezieht sich auf eine reine Mädchenklasse mit 23 Schülerinnen.
Während des Unterrichts machte ich in regelmässigen Abständen auf die Portfolioarbeit Hinweise, mahnte auch hin und wieder auf die sich zeigende Nichtaktivität, respektive, ich liess mir günstig erscheinende Beispiele demonstrieren. Es gab Pflichtaufgaben, deren Lösungen alle bis zu einem bestimmten Termin in ihrem Portfolio haben mussten. Das funktionierte jeweils sehr gut. Mit Ausnahme von drei bis fünf Schülerinnen wurde das E-Portfolio nicht kontinuierlich bearbeitet. Die gestellten Aufgaben wurden aber von allen gelöst, ganz nach der Erfahrung: Je strenger die Kontrolle, desto besser.
Die Schülerinnen notierten jeweils von Hand und nur bei speziellen Aufträgen in Partner- und Gruppenarbeit wurden die zur Verfügung stehenden Laptops mit WLAN und BSCW genutzt, ganz im Sinne einer Groupware. Die Handnotizen wurden letztlich von allen elektronisch umgesetzt und anfangs Dezember ins E-Portfolio gelegt. Die Performance war diesbezüglich nicht erfassbar.
Mit dem Abgabetermin waren alle E-Portfolios verfügbar, eine Schülerin hatte die Inhalte als Homepage gestaltet, 17 gaben eine nicht verlangte schriftliche Dokumentation mit Bildern, Zeichnungen zur Ergänzung ihres E-Portfolios ab. Im Laufe des Herbstes machte sich in der Klasse Unsicherheit breit und ich wurde gefragt, ob man das Ganze auch auf Papier abgeben könne, was ich nicht ablehnte, wobei ich allerdings auf die Aufgabenstellung hinwies, insbesondere auf die Bewertungskriterien. So entstanden letztlich E-Portfolios UND klassische Hefte, welche in schönen Mappen und mit vielen farbigen Abbildungen angereichert abgegeben wurden.
Gemeinsam beschauten wir anlässlich des Abgabetermins die riesige Menge an produziertem Material und meine sorgenvollen Falten wahrnehmend fragte mich eine Schülerin, ob ich dies nun alles lesen könne und werde.
Mit dieser nüchternen und einfühlsamen Frage war die Idee des E-Portfolios auf diese Weise knallhart hinterfragt.
Was daraus geworden ist?
Nein, ich konnte nicht den kleinsten Teil all der vielen Texte lesen. Ich nahm mir pro Schülerin 20 Minuten Zeit (aus gewerkschaftlichen Überlegungen heraus bewusst nur so wenig), las stichprobenartig und kontrollierte, ob die wesentlichen Teile der Aufgaben erfüllt waren. Mutig vergab ich Punkte, versuchte die Unterschiede zu sehen und landete in vielen Fällen bei Aussagen wie erfüllt, teilweise oder nicht. Die setzte ich dann in die Punktzahlen um.
Darauf folgte ein Selbstbewertungsgespräch mit den Schülerinnen. Sie mussten mir als Ausgangspunkt während einer Minute die Vorzüge ihrer Arbeit, die Schwerpunkte und Besonderheiten ihres Tuns erläutern. Dies gab gute Hinweise, ob ich Wichtiges evtl. übersehen haben sollte.
Die Noten bewegten sich letztlich zwischen 4.5 und 6. Die fachliche Qualität der unzähligen Texte, Dokumente und Links, welche die Schülerinnen insgesamt sammelten und kommentierten waren durch mich nicht mehr wirklich beurteilbar. Es war viel zu viel. Sie haben gesammelt was das Zeug hielt.
Ich habe letztlich nicht mehr unterscheiden können, was von wem war, denn die Schülerinnen tauschten auch untereinander aus. Die Lösungen der Aufgaben waren zum Teil identisch. Hier würde nur ein geschlossener elektronischer Raum die Individualisierung verbessern, aber letztlich wäre die Beurteilung auch schwierig.
In Sachen Leistungsbewertung kam ich letztlich zum Schluss, dass ich aufgrund der Kriterien (A bis D) primär in erfüllt oder nicht erfüllt unterscheiden und die Leistung mit recht, gut und sehr gut taxieren werde.
Zu B., der inhaltlichen und geographischen Qualität, war ich überfordert. Die fachliche Analyse der Produkte versankt im Meer der Informationen. Sie ist nicht sinnvoll zu leisten anhand des aufgezeigten Settings. Dies wäre nur für anders gestellte Aufträge zu leisten.
Die ausgedruckten Materialien liessen sich allenfalls noch eher erfassen, doch auch hier erreichten die Schülerinnen eine derartige Produktion, dass es nicht mehr überblickbar ist.
Unabhängig von Punkten und Noten war die Freude und die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen bei diesem Versuch eine grosse Genugtuung. Gepaart mit gegenseitigem Vertrauen entstanden viele Aktivitäten, wurden viele Erkenntnisse gewonnen und es wurde viel gelernt, ob mehr oder weniger als sonst lässt sich nicht belegen.
Es war anders als sonst, engagierter als sonst und es wurde sehr viel gearbeitet. Zum Teil hat es den Schülerinnen den „Ärmel“ reingezogen und sie haben Nachtschichten gemacht und dann letztlich eben wieder genau das wiederholt, was ich eigentlich nicht wollte: Die Performance auf den Abgabetermin hin enorm ansteigen zu lassen, nachdem vorher kaum etwas getan worden war.
Eine Schülerin hat mir dazu ganz einfach geschrieben, dass sie nicht anders könne. Ihre Leben funktioniere von Aufgabe zu Aufgabe und es würde überhaupt nicht drin liegen dazwischen für nicht unbedingt Notwendiges etwas zu tun.
Ergänzende Informationen
Zur Vertiefungen oder bei Unklarheiten was unter Portfolio verstanden wird, ist aus dem konstruktiven Methodenpool von Kersten Reich von der Universität Köln einiges zu finden: http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/didaktik/portfolio/frameset_portfolio.html, 4.1.2008, (Stichworte: Kurzbeschreibung, Quellen, Begründung, Darstellung, Beispiele, Reflexion, Praxiserfahrungen mit weiterführenden Links).
Zur wissenschaftlichen Auswertung eines Versuch ein Text von Andrea Christen und Martin Hofmann zur E-Portfolio-Einführung und Erfahrungen an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen http://www.phr.ch/docs/pdf/f_und_e/Kongressbericht_E-Portfolio_2007_09_08.pdf (4.1.2008)
Unterschätzt und nicht gelöst wurde die Kopier- und Abschreibemöglichkeit untereinander, wobei es in diesem Beispiel eher zu förderlichen Beobachtungen kam. Wenn manchmal eine Schülerin gesehen hatte, was jemand anders gemacht hatte, wurde sie wach und begann nachzuziehen. Dies ergab sich verschiedentlich aufgrund von Fragen in den Lektionen.

