Das Lehren und Lernen mit elektronischen Medien ist seit Jahren ein Thema an den Schulen. Wie bei vielem, was neu ist, kursieren viele Schlagworte und Meinungen, die mangels Erfahrungen verschiedentlich unnötig lange die Runde machen können. Um dem etwas zu begegnen folgende Erfahrungen mit einem konkreten Beispiel:

Im Grunde wird unter dem Begriff E-Learning oft "alles" verstanden, was mit elektronischen Medien und mit dem Internet im Zusammenhang mit Schule und Schulung gemacht werden kann oder gemacht werden soll. Vereinfacht können allerdings zwei Anwendungen unterschieden werden.

A. Computer und Internet helfen bei der Herstellung, Bearbeitung, Verarbeitung, Organisation, Archivierung und Verbreitung von Materialien (digitaler Dateien aller Arten, Inhalte); sie helfen beim Austauschen und Kommunizieren, eben auch beim Lehren und Lernen. Ich fasse dies im Rahmen der Material-, Wissens- und Arbeitsorganisation zusammen, welche sich beim Lehren und Lernen dadurch wesentlich verändern können.

B. Computer und Internet helfen konkret beim Lehr- und Lernprozess. Die Studierenden lernen, in dem Themen und Inhalte gelesen, verarbeitet, ausprobiert, simuliert, hergestellt usw. werden müssen.

Aufgrund der aktuell dominierenden schweizerischen Schulsysteme - Lehrkräfte und Studierende treffen sich physisch regelmässig - ist es fast "natürlich", dass Blended Learning entsteht, wenn elektronische Medien eingesetzt werden.

Ein einfaches Beispiel: Ein Text - hier im Zusammenhang mit der Fachdidaktik Geographie - "Bildungsstandards, Bildungs-/Lehrpläne, Kompetenzen, Lernziele" von Thomas Lenz wird als Kopie im Unterricht verteilt und als Hausaufgabe lesen gelassen. Dazu müssen die Aufgaben unter http://uk1.hotpotatoes.net/ex/36823/SXVVAGLW.php bearbeitet werden. Die unterschiedlichen Aufgaben, inklusive die Herstellung der Fragen, führen im Fachdidaktikunterricht zu kontroversen Diskussionen.

Das Lernen, so die Behauptung, findet im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit den Inhalten des Textes statt. Konkret heisst dies: lesen, Aufgaben lösen, nachdenken, vergleichen mit Bekanntem, erstaunt sein, erörtern, diskutieren usw..

Entscheidende Faktoren für die Nachhaltigkeit des Lernens sind:

die Aktivität des Hirns, die Zeit der Auseinandersetzung, das Vorwissen, die Fähigkeiten, Strukturen zu erkennen, Begriffe und Vorwissen zu vernetzen - alles ohne Computer und Internet. Dabei ist nicht zu vergessen: Lernen geschieht nie kontextunabhängig. Das hat Konsequenzen für die Beantwortung der Dauerfrage nach dem Mehrwert beim Computereinsatz. Dies bedeutet, dass im Grunde genommen Unterricht mit und Unterricht ohne Computer nicht verglichen werden kann. Der Kontext ist dann eben anders.

In vielen Kursen heisst es irgendwann aber regelmässig: Und nun? Was bringt das Ganze an Mehrwert in Bezug auf das Lernen? Wird die Qualität gesteigert im Vergleich zu vorher? ...

Die enttäuschende erste Antwort ist jeweils: "Nein, kein Mehrwert! Und die Vergleichbarkeit ist aufgrund der Prämisse der Kontextabhängigkeit von Lernen nicht mess- oder festlegbar. Das Lernen ist anders, weil der Kontext anders ist!"

Auf das inhaltliche Lernen bezogen gibt es den Mehrwert wohl eher nicht. Ich bin eindeutigen Beispielen noch nicht begegnet. Im Gegenteil, die Effekte in Bezug auf "Fastklicking", Unkonzentriertheiten, Ablenkungen etc. sind stark und schlagen sich in der Bilanz negativ nieder.

Was aber getrost festgehalten werden kann: Die Lernorganisation sowie die Lehr- und Lernvarianten sind erweitert im Vergleich zu einem Unterrichtsvorhaben, das im klassischen Sinn statt finden würde. Im oben beschriebenen Fall: Text austeilen, lesen lassen und Arbeitsblatt ausfüllen und besprechen werden durch die Online-Übung erweitert, mit Hilfe diesem Blog und den Studierenden ist eine veröffentlichte Diskussion (s. ab 20.2.2009) initiierbar. Das Ergebnis wird für sich selber stehen... im Netz. 

Eine Beobachtung in meinen Lektionen in Bezug aufs Lernen möchte ich noch erwähnen: Das Anklicken können der richtigen Lösungen vermeidet oder verhindert oft das Lernen. Über den Weg zur Lösung wird nicht mehr gleich nachgedacht, wie wenn die Lösung nicht im Voraus hätte angeschaut werden können. Es gibt aber auch Schüler, welche die Lösung ansehen und dies danach als Motivation nehmen, um die Arbeitsaufgabe durchzudenken. Hier geht es um den Glauben an die Selbstwirksamkeit, ein anderes Thema.

Eine Feststellung ist, dass das Tempo des Durcharbeitens oder Durchgehens gesteigert werden kann. Im Hinblick darauf, dass Lernen stark mit dem Faktor "Zeit der Hirnbeschäftigung mit dem Lehrstoff" zusammenhängt, kann sogar vermutet werden, dass der Lerneffekt mit dem elektronisch verabreichten Arbeitsblatt (Klickmöglichkeit) geringer ist, als wenn mit der Papierform gearbeitet werden würde, weil es eben elektronisch "schneller gehen kann".

Für die Lehrkraft kann die E-Learningform Vorteile bringen, da - nach Einarbeitungszeit in die Learning Management Systeme und in die Autorensoftware - schneller und ohne Kopier- und Verbreitungsaufwand Arbeitsfragen bereit gestellt werden können. Die Arbeit für Kopieren, Verteilen etc. fallen weg, was zum Beispiel bei einer Geographielehrkraft mit 11 Klassen und 250 Schüler/-innen ein Thema ist. Zeit- und Kopierkosten können auf die Studierenden überwälzt werden. Je nach LMS sind auch viele andere Rationalierungsmöglichkeiten vorhanden (Bewertungsmöglichkeiten, Administration der Studierenden etc.).

Im Zusammenhang mit der Fachdidaktik fällt mir auf, dass Lehrkräfte und Lehramtsstudierende nach wie vor sehr gerne Arbeitsblätter herstellen und von den Schülerinnen und Schülern bearbeiten lassen. Diese Art des Arbeitens zwingt die Lehrkräfte, den Stoff zu verarbeiten und zu lernen. Dabei wird rasch klar, wer eigentlich in der Schule am meisten lernt: die Lehrkräfte, sie müssen den Stoff verarbeiten und können ihn in der Regel nach einigen Durchgängen. Das Herstellen von Arbeitsblättern bedingt in der Regel das Durchdringen des Stoffes. Ich beobachte häufig, dass Junglehrkräfte, welche zum ersten Mal einen Stoff "durchnehmen" und sich auf ein Lehrbuch stützen, den Stoff ungenügend beherrschen, eben nicht durchdrungen haben. Dies zeigt sich bei Schülerfragen, die nicht treffend beantwortet werden können oder oft bei komplizierten Erklärungen, welche den Kern der Sache nicht treffen.

Instinktiv oder bewusst richtig? 

Um den Lernstoff zuerst einmal für sich zu durchdringen, ist die Herstellung von Unterrichtsmaterialien didaktische Arbeit und selber Lernen erster Güte.

Neu kommt im Gegensatz zu früher dazu: Das zu Informationen zu kommen, die Sammelnotwendigkeit hat sich verändert. Im Zusammenhang mit den elektronischen Medien ist die Flut an Informationen und Kulturmüll derartig gewachsen, dass die Kerninformationen schwer zu finden sind.

Unabhängig von eigener Suchaktivität habe ich in den letzten 6 Monaten meinen E-Mail-Eingang kontrolliert und festgestellt, dass ich pro Woche im Durchschnitt fast 100 Seiten an "wichtigen" Informationen (nur Attachements) von meinen drei Arbeitgebern und den Kolleginnen und Kollegen erhalten habe. Wenn ich pro Seite zwei Minuten zum Lesen aufwenden würde, wäre dies jeweils ein halber Arbeitstag pro Woche evtl. nur, um herauszufinden, ob allenfalls etwas wichtig gewesen wäre... die "Geheim"-Strategie eines Kollegen: Löschen, abwarten und Versäumtes entschuldigen. Solange derartig inflationär mit dem Versenden umgegangen wird - eine nachvollziehbare Überlebensstrategie.

Übrigens, das Ganze ist nicht neu. Jede/r etwas in die Jahre gekommene Redaktor/in weiss, dass der Rundordner schon vor Jahrzehnten eines der wichtigsten Arbeitsmittel war. Schon damals wurde - für mich anfangs respektlos, im Laufe der Jahre aber verständlich - nahezu fast alles unbeantwortet "verarbeitet", je nach Redaktionskultur mehr oder weniger krass. Rasch lernte man aufgrund von heimlichen Kriterien und einem sich entwickelnden Orientierungswissen die Spreu vom Weizen zu trennen.

Als Fazit bleibt, dass die Material- und Wissensorganisation (dazu die Web 2.0-Tools beachten) mit Wichtigkeit zu pflegen und zu bedenken sind. Die eigene Arbeitsorganisation ist im Auge zu behalten, regelmässig zu evaluieren und anzupassen.

UND: Wenn es ums Lernen geht, dann ist das Hirn gefordert und dessen Aktivierung. Dabei denke ich auf den Unterricht bezogen sofort an die Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler lernen zu wollen, die Motivation und Konzentration sowie die Arbeitstechniken, nicht unbedingt an elektronische Medien.

Um den Kreis zum hier eingebrachten Beispiels des Textes und den Fragen dazu zu schliessen: Am meisten würden die Studierenden der Fachdidaktik lernen, wenn sie die Fragen, IHRE Fragen, entwerfen und mit Hilfe einer Autorensoftware publizieren würden. Am 20.2.2009 folgen hoffentlich Kommentare der Studierenden zu den Lern- und Arbeitserfahrungen mit dem Text in diesem Blog, schauen wir.

Damit lande ich beim selbst organisierten Lernen: Die Studierenden definieren ihre Aufgben selber, setzen sich Ziele, erstellen einen Zeitplan. Sie wählen passende Lernstrategien, wenden diese an und halten den Zeitplan ein. Dazu gehört auch, dass sie sich selber motivieren und die Hilfe von Lehrkräften und Mitstudierenden holen.  

Wenn es ums selbst organisierte Lernen geht, dann spielen Computer und Internet eine sehr grosse Rolle im Bereich der Organisation und wenn vorhanden auch: Lern- und Trainingsprogramme (Sprachen, Mathematik), thematische Module, Inhalte, die auf dem Netz zur Verfügung gestellt werden.

Vielversprechend erscheint mir: Studierende stellen selber Produkte her. Der Ansatz der Webquest von Moser (http://de.wikipedia.org/wiki/WebQuest) ist schon länger bekannt und passt zu den geschriebenen Gedanken.