Bepunktungs- und Notenanalyse einer Prüfung

Qualitative und quantitative Analyse einer Geographie-Prüfung

Im Rahmen des Fachdidaktikkurses „Beurteilen und Bewerten“ für Lehrpersonen auf der Sekundarstufe II in Geographie haben 18 Studierende eine von 22 Gymnasiast/-innen an der Alten Kantonsschule in Aarau geschriebene Prüfung benotet und ausgewertet. Die Kernfrage der Untersuchung war, inwieweit sich die einzelnen Bewertungen der Lehramtskandidat/-innen untereinander und vor allem im Vergleich zur routinierten Lehrperson unterschieden und welche Auswirkungen dies auf die Noten der Schüler/-innen hatte.

Der Vergleich der Klassendurchschnitte zeigte vordergründig eine unauffällige Verteilung und erweckte den Eindruck von gültigen Bewertungen. In der Detailanalyse zeigten sich allerdings enorme Unterschiede zwischen den Beurteilenden. Je nach „Lehrperson“ ergaben sich mehrfach Abweichungen von über zwei Notenpunkten.

Eine vertrauenswürdige Übereinstimmung ergab sich in Bezug auf die Geschlechter. Die Schülerinnen dieser Klasse schnitten durchwegs zwischen 0.2 bis 0.6 Notenpunkten besser ab als die Schüler.

Die 25-seitige Beschreibung der Untersuchung und Auswertung kann als PDF bei peter.gloor@fhnw.ch bestellt werden.

Peter Gloor

 

Beispiel: Auszug aus dem Text:

Fazit und Kommentar

Die Durchführung und Korrektur einer Prüfung von 22 Gymnasiast/-innen durch 18 Kursteilnehmende und die dadurch gesammelten Daten ermöglichen eine schier unendliche Anzahl von Möglichkeiten für Darstellungen, Auswertungen und Interpretationen. In den Kapiteln 5.1 bis 5.3 wurde eine Auswahl gezeigt, welche im Wesentlichen aufgrund der Gespräche im Kurs durch die Kursteilnehmenden erarbeitet worden sind.

Gesamthaft betrachtet, belegt die Untersuchung, dass Noten mit grosser Vorsicht zu betrachten sind. Die Erkenntnisse sind nicht neu. In diesem Fall sind sie besonders wertvoll für die Kursteilnehmenden, weil sie anhand eines selbst erarbeitenden Beispiels erworben werden konnten. Eine wichtige Erkenntnis ist zum Beispiel, dass die Benotungen vordergründig ein relativ homogenes Bild vermitteln. Die Verteilung der Punkte (Kap. 5.3, Aufgabenanalyse) legen allerdings grosse Unterschiede offen, insbesondere in der Frage 1. Gerade diese Frage, eine Wissensfrage, so wurde anfangs vermutet, hätte eine einheitliche Bepunktung ergeben müssen, weil sie vermeintlich einfach zu bewerten sei. Das Gegenteil stellte sich heraus.

Die Untersuchung zeigte auf, wie schwierig es ist, gute Prüfungsfragen zu stellen, so dass diese zu validen, reliablen und objektiven Ergebnissen führen. Fragen wie „Erklären Sie folgenden Begriff (...)“ scheinen gemeinhin einfach und klar, doch letztlich ist es eine Frage, die ein weites Antwortfeld erzielte. Entsprechend war die Streuung der Bepunktung. Jede Kursteilnehmerin und jeder Kursteilnehmer hatte andere Vorstellungen von einer Begriffserklärung.

Letztlich doch erstaunlich unterschiedliche Bepunktungen durch die Kursteilnehmenden ergaben sich, wenn man die Ergebnisse der einzelnen Schülerinnen und Schülern focussierte und verglich. Da zeigte sich alles andere als Einheitlichkeit. Erstaunlich war dies nicht in Bezug auf Unterschiede, diese hatten wir erwartet. Es war die Deutlichkeit, die überraschte.

Die Untersuchung zeigte einmal mehr die Relativität und somit auch die Schwierigkeit der Notengebung, wobei in dieser Arbeit die Umsetzung von Punkten in Noten nicht diskutiert wurde. (Im Rahmen der Vorgaben wurde abgemacht, die Punkte linear in die Notenskala umzurechnen und auf Zehntel zu runden.)

Was mit der Untersuchung belegt werden konnte ist, dass die Rangfolge innerhalb einer Klasse – unabhängig vom Benotenden ähnlich aussieht und dass Schülerinnen wie Schüler von allen Kursteilnehmenden gleichwertig benotet worden sind. Es gibt keinen Geschlechterunterschied.

Noten haben längst nicht die Aussagekraft, welche ihnen im Alltag zugestanden wird. Insbesondere gilt dies für die Durchschnittswerte. Sie als Argumente für „gute“ Prüfungen zu sehen, ist äusserst zweifelhaft.

Eine Abschaffung der Noten soll mit dieser Untersuchung nicht angestrebt werden. Wenn aufgrund der kritischen Betrachtungen ergänzende, andere Beurteilungsformen nicht quantitativer Art in den Schulalltag der künftigen Lehrpersonen einfliessen, ist das Ziel dieser Arbeit erreicht.

Für die Kursteilnehmenden war es eine interessante Erfahrung, als angehende Lehrpersonen bei der vergleichenden Benotung in dieser Art als „Versuch“ mitzumachen.

Sébastien Jenni, ein Kursteilnehmer, schrieb in einem abschliessenden Kommentar zur Semesteraufgabe: „Die Notengebung wird nie objektiv und gerecht sein, sondern abhängig vom Kontext und den darin agierenden Subjekten. Wenn wir mit diesem Wissen daran gehen, dann kommt es sicher gut.“

In diesem Sinne war diese Arbeit als Weg das Ziel und ich danke allen, welche konstruktiv und mit gross

em Einsatz mitgemacht haben.

Beispiel einer Abbildung:

Notenvergleich 

Abbildung 8: Die Durchschnittsnoten der Schülerinnen und Schüler (Wehren, Müller)

Bei allen Benotenden ergab sich zumindest ein einheitliches Ergebnis in Bezug auf die Geschlechter. Die Schüler der Klasse sind generell schlechter als die Schülerinnen, zumindest in dieser Prüfung. Ballo mit 0.2 Notenpunkten Unterschied und Rüegge mit guten 0.6 stellen die Extremwerte dar. Gloor liegt mit 0.4 im Mittelfeld.

 

Die Abbildung 8 sowie die Ergebnisse in Abbildung 6 weisen darauf hin, dass die Benotungen innerhalb der Klasse, was die Rangfolgen betrifft, von hoher Güte sind. Mit der Prüfung, respektive der Bepunktung und Bewertung, kann unabhängig von der Lehrperson eine relativ zuverlässige Rangfolge erstellt werden. Die Einordnung der Rangierung auf der Notenskala von eins bis sechs ist hingegen unzuverlässig und stark vom Benotenden abhängig.

 

Prüfungen - Tipps zur Herstellung, Durchführung, Korrektur und Besprechung

Die folgenden Hinweise für die Herstellung von Fragen, die Durchführung, Korrektur und Besprechung von Prüfungen wurden von Studierenden der Fachdidaktik Geographie an der Fachhochschule Nordwestschweiz im Rahmen einer Gruppenarbeit aufgeschrieben und von Lehrkräften ergänzt. (FS 2009, http://gloor.kaywa.ch)


1. Prüfungsfragen

·      Gliederung: Mit einer einfachen, für alle Schülerinnen und Schüler lösbaren Frage beginnen, hin zu komplexen Fragestellungen.
·      Steigerung des Schwierigkeitsgrades innerhalb einer Themengruppe, z.B. nach Bloom et al. 1972 (Kenntnis, Verständnis, Anwendung, Analyse, Synthese, Beurteilung).
·      Die Punktezahl bei jeder Frage angeben. Gewichtungen der Fragen durch die Verteilung der Punkte aufzeigen.
·      Überlegt formulieren (offene und geschlossene Fragestellungen)
·      Unterrichtsbezogene Fragen (schriftlich und mündlich) stellen
·      Themengruppen mit Überschriften, die Auswahl fällt dadurch leichter.
Vielfältige Fragen stellen, um auch verschiedene Lerntypen anzusprechen. Zum Beispiel: Mit Bildern veranschaulichen, Text bzw. Antwort schriftlich geben, Bilder/Tabellen selber zeichnen lassen, Zuordnen, Quellentexte, Bildbeschreibung, Atlasarbeit, Lückentext, Multiple choice, Tabellen erstellen (z. B. für Vergleiche nutzen), Beschreiben, Aufgaben zur Vernetzung.
Grafiken, Bilder etc. direkt in die Prüfung hinein kopieren.
Idee von Bonusfragen: Man kann sich mit einer Bonusfrage einen Punkt mehr holen, als maximal möglich ist.
Erwartungshorizont formulieren, damit Fragen korrekt und genau gestellt werden können und Punkte sinnvoll verteilt werden können.
Offene Fragen, zur Diskussion
·      Antworten auf Prüfungsblatt oder auf liniertes Blatt?
·      Lassen sich Fragetypen nach diesen "Anforderungskriterien" konstruieren?
·      Wozu dient eine Prüfung?
·      Zur Durchsetzung schulischer Selektion, zur Überprüfung der Lernfortschritte oder zur Beurteilung der Fähigkeiten und Fertigkeiten in Bezug auf den Lehrplan oder eine Kontrollgruppe?
Erfahrungen
„Ich baue Prüfungen so auf, dass einerseits die verschiedenen Lerntypen in der Klasse eine Chance bekommen, anderseits immer eine Chance besteht, eine 3 mit Auswendiglernen zu machen. Der "Rest" basiert auf der Anwendung: verstehen / anwenden / vernetzen.“ (Studierender) 

2. Prüfungsdurchführung

Abschreiben: Evtl. Zwei Prüfungen machen: A und B. Sitzordnung überlegen: z. B. einzeln setzen, nötigenfalls Trennwände zwischen den Schülerinnen und Schülern aufbauen lassen. Klare Bekanntgabe der Sanktionen, falls gespickt wird. Zu beachten: Beschriftete Hände, evtl. Handkontrollen.
Material: Schülerinnen und Schüler dürfen nur wirklich notwendiges Material auf dem Pult haben. Atlasaufgaben separat lösen lassen; die Prüfung muss dann abgegeben sein, da im Atlas zum Teil anderweitig brauchbare Informationen sind.
Open book tests als Ergänzung zu den üblichen Tests durchführen.
Start: Prüfungsfragen verdeckt verteilen - alle beginnen gleichzeitig; Variante: Alle Fragen vorlesen, vorlesen lassen. Fragen auf Folie und gemeinsam anschauen und evtl. Fragen klären.
Sprechen: Vom Moment an, wo das erste Blatt ausgeteilt wird, wird nicht mehr gesprochen im Klassenzimmer.
Fragen: Die Lehrperson beantwortet nur in den ersten 5 Minuten Fragen zur Prüfung (Möglichkeit nach 20 Minuten nochmals wiederholen).
Variante: Die Schülerinnen und Schüler lesen die Fragen durch, schreiben nicht, Fragerunde nach fünf Minuten. Danach gibt es keine Fragen mehr.
Prüfungsende: Die Schülerinnen und Schüler, welche vor Stundenende mit der Prüfung fertig sind, müssen in der verbleibenden Zeit eine Zusatzaufgabe (SUDOKU oder Hausaufgaben) lösen. 

3. Prüfungskorrekturen 

·      Antworten müssen bekannt sein: Vom Erwartungshorizont ausgehen, evtl. zuerst einige Antworten lesen und dann den Antworthorizont, respektive die Korrektur geschickt anpassen.
·      Für einzelne Schritte in komplexen Antworten Häckchen bei Teilantworten setzen.
·      In der Regel antwortweise korrigieren und nicht eine ganze Prüfung am Stück
·      Reihenfolge: Nicht mit den besten oder den schwächeren Schülerinnen und Schülern beginnen, sonst läuft man Gefahr, weniger objektiv zu sein.
·      Klare Notenskala, viele Punkte pro Frage ermöglichen, aber überblickbaren Raster anwenden (z.B. vierteilig: sehr gut, gut, recht, ungenügend).
 

4. Prüfungsrückgabe, -besprechung:

·      Korrekte, oder zumindest erwartete Antworten mitteilen
·      Inhaltliche Unklarheiten klären
·      Kommentare bei der Besprechung zu den Bewertungen machen. Oder:
·      Rückgabe der Tests kommentarlos (Pygmalion), oder/und
·      Kommentare in die Prüfungen schreiben: Kann sehr förderlich und hilfreich sein. Nachteil: Zeitaufwand bei der Korrektur.
·      Sich genügend Zeit für die Prüfungsbesprechung nehmen. Im Optimalfall: gleich viel Zeit für die Besprechung einplanen wie die Prüfung dauerte.
·      Prüfungsrückgabe auf die nächste Lektion ansetzen. Die Lehrkraft erwartet auch, dass Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben machen.
Vorschlag: Mit der ganzen Lerngruppe wird die Prüfung nachbesprochen. Lehrperson steht im Mittelpunkt und hat das Wissen, vermittelt das Wissen. Danach Abgabe der Prüfung und Korrektur durch die Schülerinnen und Schüler.
Prüfung den Schülerinnen und Schülern zurückgeben. In kleinen Arbeitsgruppen bereiten die Jugendlichen die Aufgabenbesprechung der Prüfung vor und präsentieren ihren Lösungsweg und die Lösung. Material (Folien, Stifte ...) muss vorgängig bereitgestellt werden. Dauert länger, benötigt eine grössere Mitarbeit der Schülerschaft und nimmt die Lehrperson aus dem Zentrum der Lektion. Gleichzeitig üben die Jugendlichen kurze Vorträge zu halten.
Prüfung den Schülerinnen und Schülern zurückgeben. Sie sind nun aufgefordert, präzise Fragen zu einzelnen Aufgaben zu stellen. Verbesserungen durch die Schülerinnen und Schüler.
Vermeiden: Prüfungen nicht nach Noten geordnet zurückgeben!
Schlechteste und beste Note nicht bekannt geben.
(Lange) Erklärungen zum Durchschnitt, Pauschalurteile und ähnliche Kommentar
Schwierigkeit: Aufregung wegen den Noten und Besprechen zum gleichen Zeitpunkt. Nach der Rückgabe dürfen sich die Schülerinnen und Schüler laut über die Prüfung unterhalten (z. B. 10 Minuten), evtl. gezielt Vergleiche von Antworten untereinander fördern. Danach folgt die Besprechung. Wer nicht aktiv an der Besprechung teilnimmt, muss diese in der nächsten Lektion SCHRIFTLICH abgeben!
V10.2009