Im Rückspiegel

Kurz vor Jahresende, Zeit, um über Vieles nachzudenken. An dieser Stelle ein Fazit, eines über 20 Jahre Unterrichtstätigkeit, ausgelöst durch einen Blogbeitrag einer Studentin:

"Hallo liebe Kursteilnehmer, erst mal ein grosses Kompliment an den Kursleiter und die Teilnehmer. Ich habe mich selten in einer Vorlesung so wohl gefühlt; ich habe keine Ahnung, wie Sie diese Stimmung hingekriegt haben, Herr Gloor!"

Mich freut das Kompliment ausserordentlich und bringt mich dazu, der Frage nachzugehen, konkrete Antworten zu suchen. Es gäbe an sich Dutzende von Faktoren, die ich anfügen und aufzählen könnte. Im Kern sehe ich:

Das Einlassen auf den Lehr- und Lernprozess MIT den Teilnehmenden, die Anteilnahme, das Aufnehmen von Anliegen, versuchen "meine" Sache und Ideen zu den ihren werden zu lassen. Dies erscheint auf der Erfolgsfaktorenliste zu oberst.

Aber WIE macht man dies?

Viele Wege führen zum Ziel, denke ich. Im Zusammenhang mit der Arbeits- und Materialorganisationsdiskussionenen und im Rückblick auf die Vergangenheit im Lehrberuf sehe ich neben einer guten Stimmung den Faktor Zeit als sehr entscheidend und heute unterschätzt. Mir fällt auf, dass zunehmend mehr Lehrkräfte Teilzeitangestellte sind, die - so die Wahrnehmung - weit über ihrem bezahlten Pensum arbeiten.

Im Unterschied zu früher ist die Wiederverwertung von Unterrichtseinheiten oder Modulen auf einen kleinen Teil gesunken. Die Qualitäten von getesteten und nach zwei oder dreimaligen Durchgängen passenden Sequenzen fehlen. Ich muss die Vorbereitungen heute mehr oder weniger parallel zum Unterrichtsgeschehen leisten, wenn ich den Prozess ins Zentrum rücken will. Dies funktioniert, wenn ich meine Arbeits- und Lebensorganisation auf dies abstelle. (Übrigens nicht zur Begeisterung meines sozialen Umfeldes!)

Wie sagen die Schülerinnen und Schüler oft: "Ich gebe alles." Ok! Lehrkräfte geben auch oft alles, zu oft? Es ergeben sich zum Beispiel deswegen Teilzeitpensen. Dies ist ein stiller Weg, der Konfrontation und Bekämpfung von Überforderung auszuweichen. 

Früher habe ich während den Semester- oder Schulferien den grössten Teil der Vorbereitungsarbeiten leisten können und war dann in der Lage, ein 100%-Pensum zu unterrichten. Ich unterrichtete in meinem Rhythmus und musste mir nur wenig Zeit nehmen, Arbeiten, Themen oder Ideen von Studierenden mitzuverfolgen, mich an ihren Wegen und Irrwegen zu beteiligen. Heute muss ich Foren und Arbeiten der Studierenden begleiten, coachen und doziere selten. Gefragt sind dabei Expertenwissen, Beratungserfahrung und Rezepte, zumindest auf der tertiären Stufe. Um dies überhaupt leisten zu können, arbeite ich in den Semesterferien im Rahmen meines Fachgebietes, bleibe an der Front in verschiedensten Themenfeldern.

Im Bereich der Sekundarstufe 2 ist es sehr schwierig, den verschiedenen Anforderungen von Schulleitung und der Schülerschaft zu genügen. Die Aufgaben sind enorm vielfältig und haben mit dem eigentlichen Fachstudium oft nur noch wenig zu tun. Ich bewegte mich als Gymnasiallehrkraft immer wieder auf ungewohntem Terrain.

Die "normalen" Lektionen gab es im Laufe der Zeit immer weniger. Immer wieder ist irgend etwas anders, ein Rhythmus über mehrere Wochen entsteht selten. Dazu die andern Unterrichtsgefässe und Formen, Themenwochen, Blockunterricht, Projektunterricht, Maturarbeiten, Interdisziplinäre Projekte, Besuchswochen und und und. Dutzende von Wunscharbeits- und Projektwochen mit Klassen habe ich gemacht: Von Architektur bis zu Futibal, Filmwochen, Themen- und Arbeitswochen an allerlei mehr oder weniger sinnvollen Orte, Arabische Kultur in Kairo, Schottland, Wirtschaftswochen am korsischen Sandstrand usw. Ich genoss sie und die Freiheit, als Lehrkraft die Studierenden zu begleiten.

Ich wollte und durfte sie begleiten im Rahmen "meiner gefühlten Berufung", bis zu dem Zeitpunkt, als derartig geleistete Arbeiten nicht in die Arbeitszeitkontrolle einfliessen durften. Der Grund ist einfach: Nichtauftragsgemässe Überzeit wird nicht bezahlt. Sie wurde zwar sowieso nie bezahlt, aber auf der andern Seite stand wenigstens Offenheit und Freiheit. Die Schule änderte. Als gar entschieden wurde, dass der Hauswart als Chauffeur meine Lager nicht mehr begleiten durfte, weil keine Arbeitszeit vom Hausdienst in den pädagogischen Bereich fliessen durfte. Leitbilder, Interdisziplinarität oder einfach gesunder Menschenverstand blieben zunehmend links liegen... da gleiteten die Gedanken definitiv in den gewerkschaftlichen Bereich. Der Fokus und damit das Berufsbild änderten. Die privaten Anschaffungen von Berufsgeräten, Infrastruktur, Büchern, Anschauungsmaterialien, Reisen usw. zusammengezählt über 20 Jahre im sechsstelligen Frankenbereich erschienen nun in einem anderem Licht. Die Erbsenzählerei schwappt manchmal auch auf die Schülerschaft über.

Und auch anderes fiel weg: zum Beispiel die traditionellen geographischen Joggingexkursionen rund um Aarau strich ich, weil mich das Gestürm nervte, dass Joggen in den Sportunterricht gehöre und der Besuch einer Wasserquelle aus Sicherheits- und Hygeniegründen unbeliebt geworden war. Das Gelände gilt heute als zu steil, dazu kommt die Zeckengefahr und das Argument: die Turnschuhe würden schmutzig.

Oder die Vorwürfe einer Schülergruppe, dass geologische Erklärungen nicht in eine thematisch selber bestimmte Klassenwoche gehören, gingen tief. Man hatte Solches nicht gewählt. Es ist nicht einfach zu schlucken, wenn Schülerinnen und Schüler einem erklären, was zum Geographie-Unterricht gehöre und was nicht. Auf Gegenfragen wie die Leitbilder, Bildungs- und Lehrpläne aussehen würden, schon nur was MAR sein könnte, konnte bis heute noch keiner beantworten. Müssen die Schüler/-innen ja auch nicht, doch ist es dann in Ordnung, wenn sie frech und selbstbewusst Mitreden und Evaluieren, dies aber nicht gelernt haben. Müsste nicht zuerst eine faire Kommunikationskultur aufgebaut werden?

Die Evaluationen brachten viel Unbeholfenheit an den Tag. Die Konfrontation mit den schulischen Rahmenbedingungen in Evaluationsgesprächen sind nicht beliebt. Auf dem Niveau zu diskutieren, dass viel mehr Filme und Dias im Unterricht gut wären und die Proben einfachere Fragen beinhalten sollten, dass man fürs Lernen auch eine gute Note bekommen will... das kann es auch nicht sein. Ich zweifle oft am offenen Geist von vielen Beteiligten. Einer der häufigsten Wünsche und Qualitäten einer guten Lehrkraft aus Schülersicht wird genannt, dass man genau wissen wolle, was man zu tun hätte. Wenn ich den Lernprozess begleiten will und den Prozess als Coach ernst nehme, vermag ich dies oft nicht wunschgemäss zu sagen... spätestens bei der Bewertung der Arbeiten gibt es Probleme.

Ich betreute als Geograph auch Arbeiten über Inlineskaten, Schiedsrichterqualitäten, Hooligans, Salsatanzen, Klimawandel, Sextourismus, Windkraftwerke, Volleynächte, Hausisolationen usw. Kaum ein Schüler/-innen interessierte sich umgekehrt für meine publizierten, geographischen Arbeitsthemen. Ich plädiere schon lange für Eintrittgespräche mit den Schülerinnen und Schülern. Ich möchte die Motive zur Schulwahl kennen, diskutiert und in Frage gestellt wissen. Daraus abgeleitet sehe ich für die Zukunft eine Lernvereinbarung, die im Laufe der Jahre als Basis für Gespräche zur Verfügung stehen sollte.

Zum grossen Arbeitsfeld gehörte die Mitarbeit in unzähligen Kommissionen und Arbeitsgruppen, die Leitung einer Fachschaft und als Junglehrkraft diejenige der Lehrerbeiz, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt als ich morgens um 5 Uhr alleine mit dem Kühlschrank vor dem Lieferwagen stand und diesen nicht mehr in den Wagen hieven konnte. Ich wurde kundig im Zeitungsartikel schreiben, im Marketing des eigenen Unterrichts, im Werben um Schüler/-innen. Ich installierte und flickte Computer, evaluierte Beamer, baute Bücherregale, organisierte und betreute phasenweise die Lehrerbibliothek, die Gesteinssammlung, die Gerätschaften, baute an Dia- und Filmarchiven mit Tausenden von Produkten, die kaum je von andern als mir gebraucht wurden usw.

Doch zurück zum Unterricht und dessen Wahrnehmung: Die Vorstellungen und Motive der Studierenden sind sehr unterschiedlich, vermutlich so unterschiedlich wie kaum je. Die Zeit und kommunikativen Möglichkeiten hingegen, um dies im Rahmen des Unterrichtens zu klären, sind im Laufe der Jahre durch verschiedene Entwicklungen knapper geworden. Bei Unterrichtsblöcken von einigen Dutzend Lektionen scheitert vieles bereits im Ansatz.

Die Folge ist oft, dass es nicht gelingt, die Sache, die Methoden, die Prozesse zu denjenigen der Schülerinnen und Schüler werden zu lassen. In diesen Situationen "funktioniert" der geführte, frontalorientiert Unterricht am störungsfreisten. Erst wenn konsequent auf selbstorganisiertes Lernen umgestellt wird, stellt sich wieder ein befriedigendes Unterrichtsgeschehen ein, allerdings mit anderen tendenziell individualisierten Lernergebnissen.

Um den selbst organisiert Lernenden coachingmässig gerecht werden zu können, brauchen auch die Lehrkräfte Ressourcen. Ich vermag nicht zu coachen, wenn die Zeit nicht zur Verfügung steht. Die Erfahrung zeigt zudem: Sobald wirklich Gespräche stattfinden sollen, braucht es sehr viel Zeit, Zeit die im momentanen Schulalltag nicht vorhanden ist.

Die Folgen sind nicht augenfällig

Die offene oder stille Abgrenzung erscheint mir in den letzten Jahrzehnten von allen Schulbeteiligten stärker geworden zu sein. Das gehört zur sogenannten Professionalität. In Sachen Lehren und Lernen bin ich nicht sicher, ob die Professionalität grösser geworden ist, vielleicht diejenige in der Eventorganisation oder im Beschäftigen der Schülerschaft, im Organisieren und Auftreten, im Selbstmarketing. Vermutlich ist das ja gut so, denn den Lehrberuf als Berufung zu verstehen und eigene Wege zu gehen, ist heikel geworden. Heute ist es sehr schwierig, den Anforderungen gerecht werden zu können. Anerkennung und Dank bewegen sich dagegen in bescheidenem Rahmen. Zudem sind die Vorstellungen über die gute Lehrkraft sehr heterogen.

Was ist denn nun gut? Guter Unterricht, eine gute Lehrkraft?

Die Literatur ist reich an Texten und Untersuchungen zu dieser Frage. Kurt Reusser hat dazu die Forschungsergebnisse bearbeitet. Unter "Was ist guter Unterricht" findet sich ein Vortrag, der auf den Folien 22, 23 und 30 ausgezeichnete Anstösse und Informationen enthält.

Ich hegte lange Zeit das Ziel fachlich zu überzeugen, die Geographie und Mediendidaktik - oder eben meine jeweiligen Fachinhalte - sehr gut zu vermitteln. Dabei Spass zu haben, Freude zu verbreiten, alle glücklich und zufrieden werden zu lassen waren zusätzliche Ziele. Das schaffte ich definitiv nie. 

Wohlfühlen, fachliche Qualität und Zeitmanagement in Einklang zu bringen. Das wär's, denke ich auch heute noch. Aber eben...

Jüngst habe ich die zeitliche Abgrenzung wieder einmal geübt. Sie hätten die Gesichter der Schülerinnen und Schüler sehen sollen, als ich sagte, dass ich ihre Anforderungen und Wünsche nicht erfüllen würde, das Arbeitszeitbudget und die sonstigen Möglichkeiten es nicht zulassen würden. Darf man das überhaupt sagen? Viele Lehrkräfte sagen nein, sie schweigen höflich. Jedes Jahr erfolgt die Pensenzuteilung und die Arbeitsverträge werden immer wieder neu geschrieben. Wer kritisiert, sägt am eigenen Ast. Doch welche Reaktion der Schülerschaft war auf die Abgrenzung zu erwarten?

Entgegen meinen Erwartungen: Keine Proteste. Allenfalls sah ich einige erstaunte Gesichter von denen, welche die Botschaft überhaupt wahrgenommen und verstanden hatten.

Prüfungen als Knackpunkt 

Als ich konkret wurde und bekannt gab, dass Prüfungen nur noch 30 statt 45 Minuten dauern würden, tobte die Menge: "Das können Sie doch nicht machen." Und: "Für was lerne ich dann noch?" Schon eine gute Frage dachte ich nebenbei, doch die andere Sache ist: Bei 11 Klassen für ein 100% Pensum sind pro Jahr 44 Prüfungen im Minimum gefordert. Bei einer Korrekturzeit von ca. 4 Stunden pro Klassensatz, kann ich durch die Reduktion eine Woche Arbeitszeit einsparen, dies bei ähnlicher Selektionsqualität. Die kleinere Menge des Geschriebenen macht den Unterschied, egal ob beim Schreiben gelernt wird. Diesen Unterschied, wie so viele andere, die nur ich wirklich vor mir verantworte, wird kaum jemand evaluieren können.

Da nun die Wohlfühlqualität sank, die Beurteilung meiner Person massgeblich schlechter ausfiel als vorher, ist das Dilemma perfekt: Wie soll ich den Wohlfühlindizes hochhalten, die fachliche Qualität pflegen und gleichzeitig die immer mehr werdenden Aufgaben bewältigen, ohne irgendwo Zeit einsparen zu können?

Um auf die Frage der Studentin zurückzukommen: Ich brauche Zeit, ich brauche Musse und Freiraum, um mich auf die Prozesse des Lehren und Lernens einlassen zu können.

Übrigens, ständig im Stress und mit den Gedanken all die aufgetragenen Arbeiten nicht erledigen zu können, kommt etwa dem gleich, wie wenn ein Bäcker seine Brot backen müsste, im Wissen darum, dass er es besser hätte machen können.

Die Lehrkräfte sind in einer besonderen Situation in der Hirarchie der Tätigen: Sie sind auf der untersten Ebene der Arbeitsorganisation. Sie können nicht delegieren. Im Grunde bleibt alles, was an sie herangetragen wird, an ihnen hängen und den Letzten beissen bekanntlich die Hunde. In diesem Fall, es fehlt an Zeit oder: Die Ansprüche und Erwartungen sind zu hoch. Der Job ist in der jetzigen Form sehr anspruchsvoll.

E-Learning, Blended Learning

Das Lehren und Lernen mit elektronischen Medien ist seit Jahren ein Thema an den Schulen. Wie bei vielem, was neu ist, kursieren viele Schlagworte und Meinungen, die mangels Erfahrungen verschiedentlich unnötig lange die Runde machen können. Um dem etwas zu begegnen folgende Erfahrungen mit einem konkreten Beispiel:

Im Grunde wird unter dem Begriff E-Learning oft "alles" verstanden, was mit elektronischen Medien und mit dem Internet im Zusammenhang mit Schule und Schulung gemacht werden kann oder gemacht werden soll. Vereinfacht können allerdings zwei Anwendungen unterschieden werden.

A. Computer und Internet helfen bei der Herstellung, Bearbeitung, Verarbeitung, Organisation, Archivierung und Verbreitung von Materialien (digitaler Dateien aller Arten, Inhalte); sie helfen beim Austauschen und Kommunizieren, eben auch beim Lehren und Lernen. Ich fasse dies im Rahmen der Material-, Wissens- und Arbeitsorganisation zusammen, welche sich beim Lehren und Lernen dadurch wesentlich verändern können.

B. Computer und Internet helfen konkret beim Lehr- und Lernprozess. Die Studierenden lernen, in dem Themen und Inhalte gelesen, verarbeitet, ausprobiert, simuliert, hergestellt usw. werden müssen.

Aufgrund der aktuell dominierenden schweizerischen Schulsysteme - Lehrkräfte und Studierende treffen sich physisch regelmässig - ist es fast "natürlich", dass Blended Learning entsteht, wenn elektronische Medien eingesetzt werden.

Ein einfaches Beispiel: Ein Text - hier im Zusammenhang mit der Fachdidaktik Geographie - "Bildungsstandards, Bildungs-/Lehrpläne, Kompetenzen, Lernziele" von Thomas Lenz wird als Kopie im Unterricht verteilt und als Hausaufgabe lesen gelassen. Dazu müssen die Aufgaben unter http://uk1.hotpotatoes.net/ex/36823/SXVVAGLW.php bearbeitet werden. Die unterschiedlichen Aufgaben, inklusive die Herstellung der Fragen, führen im Fachdidaktikunterricht zu kontroversen Diskussionen.

Das Lernen, so die Behauptung, findet im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit den Inhalten des Textes statt. Konkret heisst dies: lesen, Aufgaben lösen, nachdenken, vergleichen mit Bekanntem, erstaunt sein, erörtern, diskutieren usw..

Entscheidende Faktoren für die Nachhaltigkeit des Lernens sind:

die Aktivität des Hirns, die Zeit der Auseinandersetzung, das Vorwissen, die Fähigkeiten, Strukturen zu erkennen, Begriffe und Vorwissen zu vernetzen - alles ohne Computer und Internet. Dabei ist nicht zu vergessen: Lernen geschieht nie kontextunabhängig. Das hat Konsequenzen für die Beantwortung der Dauerfrage nach dem Mehrwert beim Computereinsatz. Dies bedeutet, dass im Grunde genommen Unterricht mit und Unterricht ohne Computer nicht verglichen werden kann. Der Kontext ist dann eben anders.

In vielen Kursen heisst es irgendwann aber regelmässig: Und nun? Was bringt das Ganze an Mehrwert in Bezug auf das Lernen? Wird die Qualität gesteigert im Vergleich zu vorher? ...

Die enttäuschende erste Antwort ist jeweils: "Nein, kein Mehrwert! Und die Vergleichbarkeit ist aufgrund der Prämisse der Kontextabhängigkeit von Lernen nicht mess- oder festlegbar. Das Lernen ist anders, weil der Kontext anders ist!"

Auf das inhaltliche Lernen bezogen gibt es den Mehrwert wohl eher nicht. Ich bin eindeutigen Beispielen noch nicht begegnet. Im Gegenteil, die Effekte in Bezug auf "Fastklicking", Unkonzentriertheiten, Ablenkungen etc. sind stark und schlagen sich in der Bilanz negativ nieder.

Was aber getrost festgehalten werden kann: Die Lernorganisation sowie die Lehr- und Lernvarianten sind erweitert im Vergleich zu einem Unterrichtsvorhaben, das im klassischen Sinn statt finden würde. Im oben beschriebenen Fall: Text austeilen, lesen lassen und Arbeitsblatt ausfüllen und besprechen werden durch die Online-Übung erweitert, mit Hilfe diesem Blog und den Studierenden ist eine veröffentlichte Diskussion (s. ab 20.2.2009) initiierbar. Das Ergebnis wird für sich selber stehen... im Netz. 

Eine Beobachtung in meinen Lektionen in Bezug aufs Lernen möchte ich noch erwähnen: Das Anklicken können der richtigen Lösungen vermeidet oder verhindert oft das Lernen. Über den Weg zur Lösung wird nicht mehr gleich nachgedacht, wie wenn die Lösung nicht im Voraus hätte angeschaut werden können. Es gibt aber auch Schüler, welche die Lösung ansehen und dies danach als Motivation nehmen, um die Arbeitsaufgabe durchzudenken. Hier geht es um den Glauben an die Selbstwirksamkeit, ein anderes Thema.

Eine Feststellung ist, dass das Tempo des Durcharbeitens oder Durchgehens gesteigert werden kann. Im Hinblick darauf, dass Lernen stark mit dem Faktor "Zeit der Hirnbeschäftigung mit dem Lehrstoff" zusammenhängt, kann sogar vermutet werden, dass der Lerneffekt mit dem elektronisch verabreichten Arbeitsblatt (Klickmöglichkeit) geringer ist, als wenn mit der Papierform gearbeitet werden würde, weil es eben elektronisch "schneller gehen kann".

Für die Lehrkraft kann die E-Learningform Vorteile bringen, da - nach Einarbeitungszeit in die Learning Management Systeme und in die Autorensoftware - schneller und ohne Kopier- und Verbreitungsaufwand Arbeitsfragen bereit gestellt werden können. Die Arbeit für Kopieren, Verteilen etc. fallen weg, was zum Beispiel bei einer Geographielehrkraft mit 11 Klassen und 250 Schüler/-innen ein Thema ist. Zeit- und Kopierkosten können auf die Studierenden überwälzt werden. Je nach LMS sind auch viele andere Rationalierungsmöglichkeiten vorhanden (Bewertungsmöglichkeiten, Administration der Studierenden etc.).

Im Zusammenhang mit der Fachdidaktik fällt mir auf, dass Lehrkräfte und Lehramtsstudierende nach wie vor sehr gerne Arbeitsblätter herstellen und von den Schülerinnen und Schülern bearbeiten lassen. Diese Art des Arbeitens zwingt die Lehrkräfte, den Stoff zu verarbeiten und zu lernen. Dabei wird rasch klar, wer eigentlich in der Schule am meisten lernt: die Lehrkräfte, sie müssen den Stoff verarbeiten und können ihn in der Regel nach einigen Durchgängen. Das Herstellen von Arbeitsblättern bedingt in der Regel das Durchdringen des Stoffes. Ich beobachte häufig, dass Junglehrkräfte, welche zum ersten Mal einen Stoff "durchnehmen" und sich auf ein Lehrbuch stützen, den Stoff ungenügend beherrschen, eben nicht durchdrungen haben. Dies zeigt sich bei Schülerfragen, die nicht treffend beantwortet werden können oder oft bei komplizierten Erklärungen, welche den Kern der Sache nicht treffen.

Instinktiv oder bewusst richtig? 

Um den Lernstoff zuerst einmal für sich zu durchdringen, ist die Herstellung von Unterrichtsmaterialien didaktische Arbeit und selber Lernen erster Güte.

Neu kommt im Gegensatz zu früher dazu: Das zu Informationen zu kommen, die Sammelnotwendigkeit hat sich verändert. Im Zusammenhang mit den elektronischen Medien ist die Flut an Informationen und Kulturmüll derartig gewachsen, dass die Kerninformationen schwer zu finden sind.

Unabhängig von eigener Suchaktivität habe ich in den letzten 6 Monaten meinen E-Mail-Eingang kontrolliert und festgestellt, dass ich pro Woche im Durchschnitt fast 100 Seiten an "wichtigen" Informationen (nur Attachements) von meinen drei Arbeitgebern und den Kolleginnen und Kollegen erhalten habe. Wenn ich pro Seite zwei Minuten zum Lesen aufwenden würde, wäre dies jeweils ein halber Arbeitstag pro Woche evtl. nur, um herauszufinden, ob allenfalls etwas wichtig gewesen wäre... die "Geheim"-Strategie eines Kollegen: Löschen, abwarten und Versäumtes entschuldigen. Solange derartig inflationär mit dem Versenden umgegangen wird - eine nachvollziehbare Überlebensstrategie.

Übrigens, das Ganze ist nicht neu. Jede/r etwas in die Jahre gekommene Redaktor/in weiss, dass der Rundordner schon vor Jahrzehnten eines der wichtigsten Arbeitsmittel war. Schon damals wurde - für mich anfangs respektlos, im Laufe der Jahre aber verständlich - nahezu fast alles unbeantwortet "verarbeitet", je nach Redaktionskultur mehr oder weniger krass. Rasch lernte man aufgrund von heimlichen Kriterien und einem sich entwickelnden Orientierungswissen die Spreu vom Weizen zu trennen.

Als Fazit bleibt, dass die Material- und Wissensorganisation (dazu die Web 2.0-Tools beachten) mit Wichtigkeit zu pflegen und zu bedenken sind. Die eigene Arbeitsorganisation ist im Auge zu behalten, regelmässig zu evaluieren und anzupassen.

UND: Wenn es ums Lernen geht, dann ist das Hirn gefordert und dessen Aktivierung. Dabei denke ich auf den Unterricht bezogen sofort an die Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler lernen zu wollen, die Motivation und Konzentration sowie die Arbeitstechniken, nicht unbedingt an elektronische Medien.

Um den Kreis zum hier eingebrachten Beispiels des Textes und den Fragen dazu zu schliessen: Am meisten würden die Studierenden der Fachdidaktik lernen, wenn sie die Fragen, IHRE Fragen, entwerfen und mit Hilfe einer Autorensoftware publizieren würden. Am 20.2.2009 folgen hoffentlich Kommentare der Studierenden zu den Lern- und Arbeitserfahrungen mit dem Text in diesem Blog, schauen wir.

Damit lande ich beim selbst organisierten Lernen: Die Studierenden definieren ihre Aufgben selber, setzen sich Ziele, erstellen einen Zeitplan. Sie wählen passende Lernstrategien, wenden diese an und halten den Zeitplan ein. Dazu gehört auch, dass sie sich selber motivieren und die Hilfe von Lehrkräften und Mitstudierenden holen.  

Wenn es ums selbst organisierte Lernen geht, dann spielen Computer und Internet eine sehr grosse Rolle im Bereich der Organisation und wenn vorhanden auch: Lern- und Trainingsprogramme (Sprachen, Mathematik), thematische Module, Inhalte, die auf dem Netz zur Verfügung gestellt werden.

Vielversprechend erscheint mir: Studierende stellen selber Produkte her. Der Ansatz der Webquest von Moser (http://de.wikipedia.org/wiki/WebQuest) ist schon länger bekannt und passt zu den geschriebenen Gedanken.