Bringen oder holen?

Bisher? Viele Lehrkräfte schafften es bisher nahezu perfekt, den in 45- oder 90-minütigen Einheiten getakteten Unterricht zu ausgezeichneten, im Gymnasium zudem noch auf fachlich hohem Niveau stehenden, Geschehen zu gestalten. Es gibt und gab wahre Meister in Sachen Rethorik, didaktischer Transformation usw. Es war die Regel, dass dies als Ergebnis von jahrelangem Training, einem fundierten Studium in einem Fachgebiet und im Rahmen von berechenbaren, verlässlichen Strukturen ablaufen konnte. Die Schüler/-innen waren geübt im Folgen, im Notieren und Nachvollziehen des Geschehens, lösten kleinere oder grössere Aufgaben, alles war gut kontrolliert und gesteuert, nicht zuletzt, weil die Lehrkräfte klare Bilder hatten von dem was sein sollte. Die Schüler/-innen sammelten Blätter oder sagen wir den Stoff. Nach dem Läuten war der Unterricht vorbei, abgehakt... bis kurz vor der Prüfung. Dann wurde das Ganze zu Hause gelernt, in der Schule geprüft und von beiden Seiten abgehakt.

Der historische Hintergrund mag unter Anderem darin liegen, dass die Lehrkraft eben aufgrund ihres Studiums, der jahrelangen Erfahrung und Stoffsammeltätigkeit alleine über DAS Wissen und die "richtigen" Zugänge zum Erschliessen des Fachgebietes gepachtet hatte.

Die Lehrkraft brachte, vermittelte und prüfte den Stoff. Sie war der Massstab. "Man" vertraute ihr.

Und heute?

Die Strukturen und Abläufe (Stoff wie Methoden) sind nicht mehr in Stein gemeisselt. Das Vertrauen fehlt. Vor allem das Bringen und Vermitteln wird hinterfragt. Doch was und wie dann? Die traditionellen Bilder vom UNTER-RICHTEN wandeln sich. Da ist das Bringen unter den aktuellen Rahmenbedingungen (grosse Klassen mit aufgeweckten, allerlei Reizen folgenden Jugendlichen, unflexible Einrichtungen in zu kleinen Räumen, individualisierte Kundenansprüche, Selbstlernen, Standardisierung, Checks) ein schwieriges Unterfangen. Es braucht oft gewaltige Energieschübe und didaktisch hohes Kunstvermögen, um reiz- und informationsgesättigte Menschen noch weiter füttern zu können. Vielen stünde wohl - würden sie allenfalls darüber nachdenken - der Diätgedanke näher als gemästet zu werden.

Dazu gesellt sich noch die aus ökonomischer Sicht entwickelte Idee, 26 Menschen zur gleichen Zeit fürs gleiche Unterfangen zu gewinnen oder gar begeistern zu können. An diesem Anspruch scheitern viele. Wenn es die Lehrkraft nicht bringt, was dann? - Ja, dann bringt der Unterricht nichts! Bringen ist hier in mehrfacher Hinsicht zu verstehen. Die Sache wird schwierig, wenn Schüler/-innen oder Lernende die Überzeugung in sich tragen, dass die Lehrkraft "es" bringen müsse, den Stoff, die Methode usw. die Verantwortung für das Lernen wird nicht übernommen, ergo bringt es, sie oder er es eben nicht.

Die Ideen des Selbstlernens, der erweiterten Lehr- und Lernformen zielen darauf ab, dass geholt werden muss. Die Lehrkraft organisiert, vernetzt, eröffnet, stellt zur Verfügung, arrangiert und coacht. Wer dann nicht holt, dem hat der Unterricht nichts gebracht, weil es eben auch kein UNTER-RICHTEN war. Wer die Verantwortung für das Lernen nicht selbst übernimmt, das Geschehende nicht als Lernprozess betrachtet, selber nichts tut, der kann nicht erfolgreich und zufrieden werden. Die Grundhaltung ist für den Erfolg entscheidend.

Dass Selbstlernen heute tendenziell wesentlich einfacher zu organisieren ist und im Sinne der Weiterführung der längst bekannten Werkstatt in Mode gekommen ist als früher, hängt vielleicht vor allem auch mit der Entwicklung der Medien zusammen. Noch nie war es für Lernende in kürzester Zeit gratis und so vielfältig möglich, an Informationen zu gelangen. Bisher waren die Lehrkräfte die berufenen Wissenden, Sammelnden, Auswählenden, Darbietenden, Schwerpunktsetzenden, Urteilenden usw.

Mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien (insbesondere mit Wikis, Blogs, Groupware, Learning Management Systemen usw.) verschieben sich die Rollen. Sammeln, Auswählen, Präsentieren und auch Urteilen sowie Ähnliches bleiben nicht den Lehrkräften vorbehalten. Heute erklären mir manchmal Schüler/-innen und Eltern die Welt.

Lehrkräfte müssen neue Stärken entwickeln. Wichtig können zum Beispiel sein: Qualitätssicherung der Schüler/-innentätigkeiten, das Schaffen von Expertenstrukturen, Einordnen und Bewerten von Fachinhalten oder die Entwicklung der Metaebene von Lernenden fördern usw. - eine Herausforderung!

Banal und irreversibel, wie in allen Berufen: Der Lehrberuf verändert sich. Ich erinnere mich oft an die Schriftsetzer zurück, welche - und das war für viele tragisch - vom Bleisetzkasten an den Computer gezwungen wurden. Es gab keinen Weg zurück...

Texte aus Lerntagebüchern zum Selbstlernen

"Ich habe mich selber enttäuscht denn meine eigentliche Idee sah viel besser aus, als das Resultat ist. Nun ja ich fand es eine wirklich gute Erfahrung denn nun habe ich gesehen, was ich besser machen kann und auch was mir schon sehr gut liegt und ich nicht mehr anschauen brauche. Was ich für das nächste mal mitnehmen kann und ich denke diese Kritikpunkte kann nicht nur bei einer Arbeit einbeziehen.

• Sich einen Überblick über das Thema verschaffen:
Was muss ich bis wann machen?
• Wie viel Zeit habe ich für wie viel Arbeit? Zeitplan?
• Genug früh beginnen
• Nicht immer nur solala und dann am Ende alles noch mal geben, denn desto mehr man sich mit einem Thema auseinander setzt desto besser Lernt man es und auch die Qualität der Texte wird besser.

Vorteile des genauen Arbeitens

• Dabei Lernt man: Selbst Sätze zu verfassen, was nicht immer einfach ist
• Man braucht zwar länger lernt den Inhalt aber gleichzeitig auch , ein wenig repetieren vor der Prüfung reicht allemal , bei guter Erarbeitung.
• Man lernt Selbstbeherrschung oder wenn nicht, lernt man wenigstens aus seinen Fehlern."

Hängeregistraturbox

Archiv einer Klasse: Trotz neuer Medien ist die Hängemappenregistratur eine bewährte Materialorganisationsform geblieben.

"22. April 2007

Heute habe ich das zweite Kapitel bis auf die letzte Seite fertig gestellt. Dieses werde ich morgen machen, und die Texte habe ich dann noch gerade ins Internet gestellt.

23.April 2007

Heute habe ich das WKG Projekt abgeschlossen, also alle Texte geschrieben und auch Hochgeladen. Ich finde es ist gut geworden... Und bin zufrieden mit mir.

ENDE des WKG Projekts und dieses Tagebuches"


"Auf Wunsch vieler wurde unser eigentliches Projekt verkürzt, da einige wohl nicht mit diesem freien Arbeiten zu Recht kamen. Ich muss sagen, dass ich ziemlich gut damit arbeiten konnte. Zuerst war die Rede davon, das Projekt ganz abzuschaffen. Dies wäre nicht richtig gegenüber denjenigen gewesen, die an ihrem Projekt arbeiteten! Herr Gloor legte dann auch ein Veto ein. Mir ist es eigentlich egal... da ich diese beiden Kapitel schon lange gemacht habe!"

"Ich fand es eine gute Idee, etwas Neues auszuprobieren. Mir hat es Freude gemacht so eigenständig zu arbeiten und würde es gerne wieder machen. Ich hätte gerne so weiter gearbeitet, auch um die selbstständige Arbeit zu vertiefen. Da ich gerne solche Projektarbeiten mache, hatte ich Spass an diesem Projekt und musste mich auch selten zur Arbeit zwängen. Ich freue mich daher schon auf die nächste Projektarbeit."

"Endlich fertig! Heute habe ich die Homepage endgültig und in voller Grösse ins Internet gestellt. Es ist eine grosse Erleichterung, da ich doch noch etwas mehr Zeit mit der Homepage verbracht habe als ich eingeplant hatte. In diesem Zusammenhang ist mir eingefallen, dass Eray und ich eigentlich gemeinsam eine Homepage machen wollten. Doch irgendwie ist die Idee in Vergessenheit geraten.
Im Nachhinein denke ich war es gut eine Homepage zu machen, obwohl es wahrscheinlich fast doppelt soviel Arbeit war. Doch die Arbeit hat mir teilweise richtig Spass gemacht, da ich etwas tun konnte das mir liegt. Ich denke ich habe viel gelernt und neue Erfahrungen gesammelt. Und als positiven Nebeneffekt habe ich meine HTML-Kenntnisse noch ein bisschen verbessert. Das nächste Mal werde ich jedoch etwas anders machen und zwar werde ich mir die Zeit besser einteilen und nicht alles auf die Ferien schieben."

Auf dieser Homepage steht das Lerntagebuch unter dem Titel Arbeitsjournal zum Downloaden zur Verfügung.

Ein anderes Beispiel:
Lerntagebuch als Blog

"Morgen ist es soweit! Ich muss meine Projektarbeit abgeben! Ich hoffe sie ist mir gut gelungen und wird eine gute Note mit sich bringen! =)
In den Ferien habe ich mich viele Male hingesetzt und ein bisschen an meinem Projekt gearbeitet, doch wollte ich nicht jedes Mal das Lesetagebuch führen."

"Ich bin sehr froh über meine Arbeit, die ich gemacht habe. Es war schwer, es schon dahin zu bringen, dass ich mir die Arbeit aufteile aber mit dem Willen habe ich es ganz einfach geschafft! Ich konnte so auch viel effizienter arbeiten, also war der Aufwand klein, der Erfolg aber gross."

"Freitag, 20. April 2007
Endlich fertig! Heute habe ich die Homepage endgültig und in voller Grösse ins Internet gestellt. Es ist eine grosse Erleichterung, da ich doch noch etwas mehr Zeit mit der Homepage verbracht habe als ich eingeplant hatte. In diesem Zusammenhang ist mir eingefallen, dass Eray und ich eigentlich gemeinsam eine Homepage machen wollten. Doch irgendwie ist die Idee in Vergessenheit geraten.
Im Nachhinein denke ich war es gut eine Homepage zu machen, obwohl es wahrscheinlich fast doppelt soviel Arbeit war. Doch die Arbeit hat mir teilweise richtig Spass gemacht, da ich etwas tun konnte das mir liegt. Ich denke ich habe viel gelernt und neue Erfahrungen gesammelt. Und als positiven Nebeneffekt habe ich meine HTML-Kenntnisse noch ein bisschen verbessert. Das nächste Mal werde ich jedoch etwas anders machen und zwar werde ich mir die Zeit besser einteilen und nicht alles auf die Ferien schieben."


MausStickCD

Dateitransporte sind vielfältig geworden: Ein Schüler wies mich jüngstens an, sein "Zeug" von einem Materialservers downloaden zu gehen. Es waren 180 MB, ein Film war dabei.

"Die Wochen verstrichen nur so wie im Flug. (...) Ich merke wie mir diese Arbeit auf das schlimmste missfällt. Ich kann mich einfach nicht motivieren. (...) Dann kamen 8 Wochen gähnende Leere. Ich hatte alles andere zu tun, als mich mit dem Projekt zu befassen. (...) Ich bin definitiv ein Typ der Frontalunterricht und Kontrolle braucht."

Ergebnisse des Selbstlernens (4 Beispiele)

Die folgenden Beispiele darf ich hier präsentieren, sie sind öffentlich zugänglich, wobei ich mit einem Schüler noch über die Kopierrechte von Grafiken und Bildern sprechen muss. Wenn er diese nicht abgeklärt hat, muss er sein Werk in den geschlossenen Raum der Groupware "zügeln", respektive vom Netz nehmen.

Ansonsten machen diese Beispiele die Unterschiede der eingereichten Arbeiten deutlich. Man mache sich selber ein Bild.

Beispiel 1 (nicht mehr verfügbar, 24.4.08)

Beispiel 2 (nicht mehr verfübar, 24.4.08)

Beispiel 3 als Wiki (zeitweise nicht mehr verfügbar, 24.4.08)
Achtung das Laden der Site dauert ausserordentlich lange.

Beispiel 4

Arbeits- und Materialorganisation beim Selbstlernen

Dieses Beispiel soll zeigen wie die Arbeiten und Materialien beim Selbstlernen über eine Groupware organisiert werden können. Von oben nach unten sind aufgelistet: Ordner, Links, Dokumente, Notizen (als Foren, Aufgaben usw. nutzbar). Die orangen Symbole helfen neben einem vom Server verschickten Arbeitsbericht, die Übersicht zu den Bewegungen im Ordner zu behalten.


Groupware: Organisationsstruktur einer Klasse

Das Beispiel ist auf die Selbstlernphase der Laptopklasse bezogen. Im Ordner ePortfolio hat jede/r Schüler/in einen eigenen Ordner zur freien Verfügung und Gestaltung. Ich beobachte die Performanz und werde diese am Ende des Schuljahres in die Bewertung einbeziehen. Es gibt dazu keine "harte" Kriterienliste. Es wird aber beurteilt wie der Ordner bewirtschaftet wurde, welche Inhalte sich darin befinden und wie das Ganze organisiert ist. Es gibt dazu ein Gespräch im Zusammenhang mit der Lerntagebuch- und Produktebesprechung. Im Wesentlichen wird die Einteilungen vorgenommen in: ausgezeichnet, sehr gut, gut, recht, genügend und ungenügend. Die Bewegungen im Ordner geben mir Hinweise zum Arbeitsprozess. Wer arbeitet regelmässig mit, wer engagiert sich mit eigenen Beiträgen und macht diese sichtbar? Es ist ein Versuch, die Schüler/innen zum Dranbleiben zu motivieren.

Erfolgsvoraussetzungen für offene Unterrichtsformen

Dieter Opferkuch hält in einem Beitrag '"China auf dem Weg zur Weltmacht?" - Erarbeitung einer Unterrichtseinheit mit konstruktivistischem Ansatz in offenem Unterricht' (Dokument Nr. 8 (?) der Arbeitsgemeinschaft Fachdidaktik Geographie, AFGg) fest: "Damit sie (die offene Unterrichtsform, Anmerkung Gloor) zum erwünschten Erfolg führt, müssen seitens der Lehrenden und Lernenden zahlreiche Voraussetzungen erfüllt sein:

Die Lernenden
- sind bereit, sich dem Lernstoff eigenständig zu nähern
- suchen Fragestellungen selber und schlagen Wege zu deren Lösungen selbst vor
- arbeiten initiativ, kreativ und ausdauernd
- formulieren selbstständig ein Produkt ihrer Arbeit

Die Lehrperson
- bringt den Lernenden Vertrauen entgegen
- vermittelt den Lernenden vorgängig die nötigen Kompetenzen
- schafft eine geeignete Lernumgebung (Zeit, Raum, technische Einrichtungen, Zugang zu grundlegenden Informationsquellen)
- gewährt Unterstützung, soweit möglich

Der Lernvorgang
- verlangt eine Analyse der Lerninhalte
- verlangt das Bestimmen von Lernzielen und einem Lernprodukt
- verlangt die Identifikation mit dem Lernstoff"


Wandtafel
Nach wie vor aktuell und oft in Gebrauch: Die Wandtafel - erst zwei Pannen in 20 Jahren.

Ausgehend von diesen Punkten werde ich im Folgenden den Verlauf des im November 2006 initiierten Selbstlernens mit einer Laptopklasse auswerten und beschreiben. Diese Voraussetzungen nutze ich als Kriterienraster zur Evaluation. Ich bin überzeugt, dass der vorzeitige Abbruch - oder positiv formuliert, die gemeinsame Entscheidung, den Versuch zu kürzen - mit dem Nichterfüllen einiger der genannten Kriterien zusammenhängt.


Arbeitsplatz
Arbeitsplatz mit Risiko: Bei regelmässigem Gebrauch muss (wie lange noch?) täglich mit einer technischen Unabwägbarkeit gerechnet werden.

Im Weiteren möchte ich an dieser Stelle auf einen Artikel "US-Schulen schwören Computern ab" im Spiegel vom 8. Mai 2007 hinweisen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,481086,00.html

Auch dazu später mehr.